Schon seit Wochen steht der neue schicke Schulranzen samt passendem Turnbeutel bereit, alle Stifte im Mäppchen sind gespitzt – die Schule kann starten. Die meisten Kinder freuen sich auf den Tag ihrer Einschulung und können es kaum erwarten, endlich mit der prall gefüllten Schultüte im Arm in ihr Klassenzimmer zu laufen. Doch nach den ersten Wochen folgt meist die Ernüchterung – bei Kindern und bei Eltern. Denn schließlich bedeutet Schule auch: morgens früher aufstehen, lange still sitzen, sich konzentrieren und Anweisungen der Lehrer befolgen. Laut einer aktuellen Umfrage des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) fühlt sich bereits jeder dritte Grundschüler regelmäßig gestresst. Meistgenannter Auslöser: die Schule. Was also können Eltern tun, damit ihren Kindern das Lernen Spaß macht und Schule nicht in Stress ausartet? Wir haben mit den Buchautorinnen und Bildungsexpertinnen Dr. Birgit Ebbert und Mag. Ingeborg Saval gesprochen.

Luna: Der erste Schultag ist für Kinder ein aufregendes Ereignis. Eltern jedoch haben oft gemischte Gefühle, was den Schulanfang angeht. Wie können sie ihren Kindern den Einstieg erleichtern?

Inge Saval: Die meisten Kinder freuen sich auf den Schulbeginn. In der Regel ist die Lust auf Lernen vorhanden und muss nicht künstlich erzeugt werden. Kinder möchten lesen, schreiben, rechnen können und neue Freunde finden. Dennoch bedeutet der Schulstart auch eine große Veränderung für die ganze Familie, die gut vorbereitet werden will.
Birgit Ebbert: Wichtig ist, dass alle entspannt an den Schuleinstieg herangehen und kein Druck aufgebaut wird, auch nicht durch Bezeichnungen wie „Ernst des Lebens“. Eltern sollten auf Fragen eingehen, Ängste nehmen und mit dem Kind den Start in den nächsten Lebensabschnitt vorbereiten: durch eine Feier, den gemeinsamen Kauf des Ranzens und der Materialien.

Was sollten Kinder schon beherrschen, wenn sie in die Schule kommen? Können Sie die Ihrer Meinung nach fünf wichtigsten Punkte benennen?

Birgit Ebbert: Die wichtigsten Dinge sind: Kommunizieren, also Sprache aktiv nutzen und die Regeln des Gesprächs beherrschen, den Körper im Griff haben, zum Beispiel einen Stift zielgerichtet führen können, Vertrauen in sich selbst besitzen, erste Strategien kennen, um mit Ärger und Misserfolgen umzugehen, und ein Grundwissen über die Welt besitzen, auf dem sie in der Schule aufbauen können.

Inge Saval: Jedes Kind ist anders und sollte in seiner Individualität und Besonderheit gesehen werden. Als Faustregel gilt: Wenn ein Kind den Kindergarten besucht hat und dort gut zurechtgekommen ist, wird vermutlich der Eintritt in die Schule auch gut verlaufen. Folgende Fähigkeiten braucht ein Kind für einen guten Start: Kann es einen Stift richtig halten und mit einer Schere umgehen? Kann es einfache Zeichnungen anfertigen und Figuren ausmalen? Kann es seine Bewegungen gut koordinieren, etwa auf einem Bein stehen, einen Ball fangen oder auf einer Linie balancieren? Kann es selbstständig zur Toilette gehen, Hände waschen, sich zügig an- und ausziehen? Kennt es die Farben und einfache geometrische Formen wie Kreis oder Viereck? Auch einfache Benimmregeln erleichtern den Schulbeginn: Das Grüßen, Bitte- und Danke-Sagen haben zwar nicht unmittelbar mit der Schulfähigkeit zu tun, sind aber soziale Türöffner und fördern die gegenseitige Wertschätzung.

Wie wichtig sind, gerade im ersten Schuljahr, Mitschüler und Lehrer??

Birgit Ebbert: Mitschüler und Lehrer sind immer wichtig. Schulischer Erfolg wird mitbestimmt dadurch, wie das Umfeld zum Beispiel auf Fehler reagiert. Die schwerste Aufgabe für neue Schulkinder ist sicher, sich auf viele neue Menschen einzustellen und damit zurechtzukommen, dass die Lehrer sie von nun an bewerten und mit den Mitschülern vergleichen. Hier erwartet Eltern in der Begleitung beim Schuleinstieg eine besondere Aufgabe.

Inge Saval: Wenn nichts gravierend Negatives passiert, mögen Kinder ihre Lehrer meistens gern. Der Beziehungsaspekt in der Schule ist auf jeden Fall sehr wichtig. Eine vertrauensvolle Beziehung zur Lehrerin, zum Lehrer und Freundschaften mit anderen Kindern sind die Grundlage für das Wohlfühlen in der Schule. Und ein Kind, das sich prinzipiell wohlfühlt, lernt leichter und kommt auch mit Schwierigkeiten besser klar.

Was, wenn der Schuleinstieg schiefgeht und das Kind nicht gern in die Schule geht?

Inge Saval: Die meisten Kinder können die neuen Anforderungen gut bewältigen und sind stolz, Schulkind zu sein. Es ist aber auch normal, dass die anfängliche Freude nach den ersten Wochen oder Monaten ein wenig abflacht. Ganz verschwinden oder sich ins Gegenteil wandeln sollte sie jedoch nicht. Wenn sich das Kind verändert, gar nicht in die Schule gehen will oder jeden Morgen weint, wenn es aufstehen soll, ist Vorsicht geboten. Kann das Kind nicht klar sagen, was es belastet, sollten Eltern möglichst rasch das Gespräch mit den Pädagogen suchen, um herauszufinden, wie ihr Sprössling sich in der Schule verhält. Ist das Kind in der Klasse grundsätzlich fröhlich und macht meistens eifrig mit, wird sich diese Abwehr wieder legen.

 

„Planet Schule – Gemeinsam und unbeschwert den Schulalltag meistern“ von Ingeborg Saval, Trias Verlag, 17,99 Euro
Stillsitzen, sich konzentrieren, Hausaufgaben machen – der Schulalltag fordert Kindern einiges ab. Wie man den Herausforderungen begegnen kann und welche praktischen Trick es gibt, um die Konzentration zu fördern (zum Beispiel die „Schnüffelatmung“) beschreibt die Pädagogin und Familientherapeutin Ingeborg Saval in diesem neu erschienenen Ratgeber unterhaltsam und informativ
„100 Dinge, die ein Grundschulkind können sollte“ von Dr. Birgit Ebbert Humboldt Verlag, 16,95 Euro
Die Autorin und Erziehungswissenschaftlerin Dr. Birgit Ebbert erklärt in ihrem Ratgeber leicht und verständlich, welche Fähigkeiten sich Kinder im Lauf der Grundschulzeit aneignen sollten. Eltern gibt sie praktische Tipps, wie sie ihre Kinder durch die ersten vier Schuljahre begleiten und den Lernstoff mit ihnen durch einfache Übungen vertiefen können.

 

Aufmacherbild: Seli Maksan / iStockphoto