Ein Lenkrad, vier Räder – diese Vorstellung vom Autofahren hat komplett ausgedient. Autos lernen das Denken und brauchen den Fahrer in Zukunft gar nicht mehr.

Text: Ralf Bielefeldt

Autonomes Fahren. Connected Cars. Elektrifizierung. Künstliche Intelligenz. Gestiksteuerung. Eye-Tracking. Fehlt eigentlich nur noch der Warp-Antrieb. Dann wäre der Technik-Plot für die Fortsetzung des Scifi-Blockbusters „Das fünfte Element“ komplett. Im Zeitalter von Klimawandel und Dieselskandal treten die Autokonzerne die Technik-Flucht nach vorn an. Und suchen ihr Heil in Allianzen. Microsoft, Amazon, Google, Chiphersteller Nvidia – seit Quereinsteiger Tesla „mal eben“ das schnellste und reichweitenstärkste E-Auto auf den Markt geworfen hat, stehen Querdenken und visionäre Technologien hoch im Kurs.

Das große Schaulaufen im Zukunftsszenario-Präsentieren findet alljährlich auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas statt. Eine Tekki-Messe. Genau genommen: seit 50 Jahren die Elektronikmesse schlechthin. Die zunehmend von den Autokapitänen gekapert wird. Direkt im Anschluss pilgern die PS-Jünger dann weiter nach Detroit zur North American International Auto Show. Und legen noch einmal nach. Oder ganz neu auf: Volkswagen zum Beispiel hat dieses Jahr die x-te Reinkarnation des seligen Bulli auf die Räder gestellt. VW I.D. Buzz nennt sich der charmante Retrobus mit E-Antrieb und 600-Kilometer-Reichweitenversprechen. Der darf dann gern genau so kommen. Hier ein kleiner Ausblick, was die Autofahrer in Zukunft so erwartet.

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Alt trifft neu: Die Reinkarnation des legendären Bulli ist der elektrobetriebene VW I.D. Buzz

Das Auto der Zukunft wird zur Chefsekretärin

Apples Sprachhelferlein Siri kennen alle, jetzt kommen auch noch Cortana (Microsoft) und Alexa (Amazon) hinzu sowie Eigenkreationen wie Yui von Toyota. Intelligente virtuelle Assistenten, die die Fahrerin mit einem Plausch begrüßen, an Termine erinnern, die Lieblingsmusik kennen, das Dinner mit der besten Freundin koordinieren, auf gern genutzte Einkaufsmöglichkeiten entlang der gewählten Route hinweisen und, und, und. Damit ja nix unter- oder schiefgeht im zunehmend hektischen Tagesgeschäft. Wir lernen: Wer keine Freunde hat, hat in Zukunft jedenfalls ein Auto, das ihn versteht.

SAM hilft autonomen Autos aus der Patsche

In spätestens zehn Jahren sollen Roboterautos vollkommen allein durch den Verkehr rollen. Sie suchen sich ohne Fahrer an Bord Parkplätze und Ladestationen für ihre Akkus, holen die Kinder vom Sport ab, liefern Pizza und Pakete aus. Wenn die Robo-Autos mal nicht weiterwissen, weil etwas Unvorhergesehenes passiert (zum Beispiel ein stehendes Hindernis auf einer Fahrspur mit durchgezogener Mittellinie), werden sie von Nissans NASA-unterstützter Rat-und-Tat-Zentrale SAM wieder auf den rechten Weg gebracht. Ein Supervisor aus Fleisch und Blut schaut sich das vermeintliche Schlamassel per Satellitenbild an und schickt dem Robo-Auto eine „Da geht es lang“-Skizze. Irgendwie gut zu wissen, dass in der zunehmend vernetzten Welt letztlich der Mensch das Sagen hat.

Autotechnik wird zum Wandschmuck

Der Trend zu riesigen Touchscreens im Auto wird ins Wohnzimmer verlängert. BMW etwa bündelt Smartphone und Bordsystem zum „Connected Window“ (Vernetzten Fenster) – ein riesiger hintergrundbeleuchteter Bildschirm, der wie ein interaktives Bild aus Feeds und Tweets und Statusmeldungen und Terminen zu Hause oder im Office an der Wand hängt. Nissan funktioniert die Akkus seiner E-Autos zu schmucken Energiespeichern um, die wie illuminierte Installationen aussehen. Diese „xStorage“ genannten Speicherlösungen können ab sofort übers Web geordert werden.

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Nissan bietet mit „xStorage“ ein Energiespeichersystem fürs Eigenheim an

Pakete einsacken im Vorbeifahren

Amazon Prime Now hat sich auf die Fahne geschrieben, Pakete in Echtzeit zuzustellen. Die Kundin ordert aus dem Auto, das schlaue Bordsystem berechnet, wo auf der vorgesehenen Fahrtroute der ideale Übergabepunkt ist – und zack reicht einem der flinke Paketbote die heiße Ware unterwegs durchs Seitenfenster rein. Der Gang zur Nachbarin oder zum geheimen Ablageort im heimischen Garten hat sich damit erledigt. Und wenn der neue Dress nicht gefällt, lässt man ihn an der übernächsten Ampel einfach wieder aufpicken. Armer Einzelhandel.

Runde Lenkräder haben bald ausgedient

Statt Lenkrädern gibt es eckige Volants oder Steuerknüppel wie im Flugzeug, die beim Umschalten auf den autonomen Fahrmodus gleich einem Kunstturner im Armaturenbrett abtauchen, um mehr Platz für die beschäftigungslose Fahrerin zu schaffen. Die kann dann die Füße hochlegen und auf flachen, über einen Meter langen Touchscreen-Landschaften Kinostreifen im 27:5-Bildformat (oder so) schauen.

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Erinnert eher an ein Flugzeug oder Formel-1-Auto – das neue Lenkrad von Toyota

„Machst du guck, geht das los“

Eye-Tracking auf dem Fahrersitz ist schwer im Kommen. Ein Blick in Richtung Lüftungsdüsen soll künftig genügen, dann blendet der Bordbildschirm das Klimabedienmenü ein. Oder er macht beim Blick gen Fahrzeughimmel das Innenraumlicht an. Und wer weiß – vielleicht geht sogar das Handschuhfach auf, wenn man den Blick in Richtung Beifahrerknie schweifen lässt.

Tasten drücken, die es gar nicht gibt

HoloActive Touch nennt BMW die neueste Möglichkeit, im Auto-Navi-System Audioanlage, Telefon etc. zu bedienen. Die innovative Schnittstelle zwischen Fahrerin und Auto besteht aus einer frei schwebenden Anzeige im Bereich oberhalb der Mittelkonsole. Obwohl sie eigentlich gar nicht da ist, sondern nur von einem Sammelsurium filigraner Lichtquellen eingespiegelt wird, lässt sie sich mit dem Finger direkt bedienen. Das Irre dabei: Man spürt sogar eine Art Rückmeldung, einen leicht kribbelnden Impuls. Der Trick dahinter: eine Ultraschallquelle, die gezielt die Fingerspitzen „beschießt“.

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Bei BMW spiegeln Lichtquellen eine frei schwebende, bedienbare Anzeige ein

Bunte Richtungspfeile auf der Straße

Augmented Reality macht Navigationssysteme lebendig. Das neue System von Automobilzulieferer-Riese Continental zum Beispiel spiegelt „gefühlt“ 7,5 Meter vor dem Auto breite Richtungspfeile auf die Fahrbahn. Die zeigen dem Fahrer ganz genau, wo er hin muss – deutlich plakativer und genauer als bei den heutigen Head-up-Displays oder herkömmlichen Bildschirmanzeigen. Falsch abbiegen oder Abzweigung verpassen ist damit ein für alle Mal Geschichte. Hoffentlich.

Foto Teaser: Toyota; Foto Slider: VW