Wir denken von uns als Feministinnen, die gegen die Unterdrückung und Ungleichbehandlung von Frauen und Mädchen sind. Das versuchen wir an unsere Töchter weiterzugeben – aber vernachlässigen wir dabei unsere Söhne?

Wenn es nach Autorin Claire Cain Miller geht, schon. Sie hat sich dieses Thema in ihrem Artikel für die New York Times vorgeknöpft und fragt: Wie soll die Welt gleichberechtigter werden, wenn wir zwar unsere Töchter zu Feministinnen erziehen, unsere Söhne aber immer noch stereotypischen Vorstellungen entsprechen müssen? Miller findet berechtigterweise, dass es nichts bringt, den Feminismus, die Gleichberechtigung und den Fortschritt nur einseitig zu denken.

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Dahinter steht jedoch nicht nur der feelgood-Wunsch danach, dass sich doch bitte alle liebhaben sollen, sondern ganz konkrete Vorstellungen davon, was gleichberechtigte Erziehung bedeutet. Ist es nicht etwa asymmetrisch, dass wir wahnsinnig viel Energie investieren um heranwachsenden Mädchen zu vermitteln, dass sie Bauarbeiterinnen, Kosmonautinnen oder Informatikerinnen werden können, im unreflektierten Alltag jedoch Berufe wie Kindergärtner, Steward und Tänzer eher nicht zum typischen Mann gehören – und wenn doch, dann eher zu Männern, die eine besonders ausgeprägte feminine Seite haben oder einfach direkt schwul sein müssen. Miller fragt, warum Jungen nicht auch beigebracht wird, dass sie alles sein können, was sie wollen – ohne dabei ihre Männlichkeit aufs Spiel zu setzen. Dafür fragte sie bei Wissenschaftlern nach, welche Möglichkeiten Eltern haben, um für gleichberechtigte Erziehung zu sorgen. Hier sind einige ihrer Ergebnisse zusammengefasst:

Emotionen gehören zu jedem Menschen

Miller referiert, dass Mädchen und Jungen als Babys gleich viel weinen. Ab dem fünften Lebensjahr wird Jungs jedoch anerzogen, Emotionen wie Furcht oder Hilflosigkeit nicht mehr zuzulassen – anders als bei Mädchen. Dabei gehören Emotionen jeglicher Art zum Menschsein dazu. Wir alle sollten uns verzweifelt fühlen oder um Hilfe bitten dürfen und genau dies auch unseren Söhnen und Töchtern vermitteln.

Vorbilder sind wichtig

Männer und Frauen, die ihren Kindern vorleben, wie man und frau sich richtig verhalten, sind essentiell. Jungs reagieren scheinbar stärker auf Vorbilder als Mädchen dies tun. Es ist also wichtig, dass sie sehen, wie vielfältig sich Männer und Frauen entwickeln können: Wenn sie sehen, wie eine Frau die Familie ernährt und wie ein Mann weint, werden sie Respekt für eben diese Menschen entwickeln. Daher ist es ebenfalls wichtig, im Alltag Gleichberechtigung vorzuleben. Das Fahrrad reparieren ist also nicht nur Männersache, der Haushalt aber auch nicht nur Frauensache.

Frei sein

Die eigenen traditionellen Barrieren im Kopf sind immer die schlimmsten. Es ist immer noch der Fall, dass viele Eltern es befremdlich finden, wenn sich ihr Sohn die Absatzschuhe von Mama anzieht oder mal Schminke ausprobieren möchte. Warum eigentlich? Toleranz kann hier bereits geübt werden. Vor allem ist es ein kindliches Spiel, sich zu verkleiden. Warum sollten Eltern hier bereits in männlich und weiblich einteilen? Einfach Spaß haben lassen ist hier die bessere Variante.

Empathie ist keine Frauensache

Heutzutage ist es immer noch normal, dass Frauen sich neben Job und Kindererziehung hauptsächlich um die Großeltern oder kranke Verwandte kümmern. Dies kommt nicht nur durch das Vorurteil, dass Männer eben mehr arbeiten und keine Zeit haben, sondern dass sie es schlicht und ergreifend nie gelernt haben. Die emotionale, gefühlige Fähigkeit, sich emphatisch zu zeigen und um andere zu kümmern, wird immer noch Frauen zugeschrieben. Dabei sind dies menschliche Eigenschaften. Wir sollten sie Jungen und Mädchen also auch gleichermaßen beibringen.

Freunde und Freundinnen sind willkommen

Häufig werden Jungs und Mädchen schon früh nach Geschlecht getrennt. Die Jungs haben Freunde, die Mädchen ihre Freundinnen. Eltern sollten gemischtgeschlechtliche Freundschaften unterstützen. Schöner Nebeneffekte: Laut der von Miller angeführten Studien sind Kinder, die gemischtgeschlechtliche Freundschaften pflegen besser darin, Probleme zu lösen. Jungs, die als Kind auch mit Freundinnen gespielt haben, sehen als Erwachsene Frauen nicht automatisch als Sexualobjekt.

Dies sind nur einige von Millers Erziehungstipps. Am Ende von ihren Ausführungen schreibt sie, dass Eltern ihre Söhne aber durchaus ihr „Jungendasein“ feiern lassen sollten. Stärke, Streitlust, auf Bäume klettern – sie sollen durchaus Jungs sein dürfen.

An genau dieser Stelle ergibt sich ein kleines Fragezeichen beim Lesen von Millers Artikel. „Jungs sollen Jungs sein“ und dabei ihre Stärke gegen Intoleranz einsetzen, sie sollen durchaus für ihre Familien sorgen, indem sie sich um diese kümmern. Dabei werden typisch männliche Attribute zwar gemildert, aber immer noch Männern zugeschrieben: Der Mann ist stark und er hat für die Familie zu sorgen – wenn nach Miller auch anders, als es die alte Tradition möchte. Söhne sollen sehen, dass Mama auch männliche Arbeiten verrichtet und Papa auch mal emotional sein darf. Hier ist Vorsicht geboten, da all diese Vorschläge dazu tendieren, die Stereotype nicht zu überwinden. Miller kritisiert eingerostete Haltungen, indem sie sich aber genau in ihrem Rahmen bewegt. Nun ist natürlich die Frage, ob es überhaupt anders geht oder ob genau das nötig ist, um einen Anfang zu starten.

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Vielleicht sollte aber ein anderer Ansatz gewählt werden: Um einen Jungen, jungenhaft sein lassen zu wollen, müsste nämlich zunächst geklärt werden, was genau das eigentlich bedeutet. Was ist männlich? Und was weiblich? Ist eine emanzipierte Frau eine starke Frau, die sich wie ein Mann verhält? Oder darf sie auch weinen? Haben Frauen Angst um ihre Weiblichkeit, wenn sie sich von traditionellen Rollen lösen? Und wie ist überhaupt der emanzipierte Mann? Stellt er sich immer hinter seine Frau? Darf er Karriere machen? Darf er, wenn er es gerne möchte, einer Frau die Tür aufhalten? Sind Frauen unemanzipiert, wenn sie sich von einem starken Mann helfen lassen? Diese Fragen sind nicht neu und werden immer wieder diskutiert. Daran merkt man, dass es einige Unsicherheiten gibt, die Männer und Frauen also auch Väter und Mütter, verwirren. Wenn eine Frau nicht genau weiß, inwiefern sie Feministin ist und was genau das überhaupt bedeutet, wird sie dies auch weder an ihren Sohn noch an ihre Tochter weitergeben können. Solange ein Ausdruck wie „Der ist ja ein richtiges Mädchen, so viel wie er weint!“ leicht über die Lippen kommt oder Eltern ein befremdliches Gefühl empfinden, wenn der Sohn das Feenkostüm der Schwester anziehen möchte, ist jedenfalls noch nicht viel gewonnen. Dieses Verhalten sagt nämlich am allermeisten über die Urheber dieser Sätze und Gedanken aus. Bei sich selbst anfangen ist also der Schlüssel für emanzipierte Erziehung.

Die konkreten Tipps von Miller sind super, dürfen aber gerne durch Selbstreflektion ergänzt werden. Ein Vater, der selbstverständlich weint, ohne dass es eine große Sache ist und eine Mutter, die keine Attraktion daraus machen muss, dass sie ein Loch in die Wand zu bohren vermag, können mit Sicherheit auch ganz automatisch emanzipierte Kinder erziehen.

Titelbild: unsplash.com/Frank McKenna