„Lagom“ ist das neue Hygge, der Lifestyle-Trend aus Schweden. Kein Wunder blicken wir auf unsere nordischen Nachbarn, gehören ihre Nationen doch zu den glücklichsten der ganzen Welt. So könnt ihr euch fürs eigene Familienglück ein bisschen Lagom abschauen.

Was bedeutet Lagom?

Genau wie mit dem dänischen „Hygge“ ist es nicht einfach, eine konkrete Übersetzung zu finden. „Lagom“ ist eng mit der schwedischen Lebensart verbunden, in der alles was zuviel, zu laut, zu übertrieben, zu angeberisch ist, kategorisch abgelehnt wird. Darum versteht man unter Lagom oft „gerade recht, genug, passend, angemessen, mäßig“. Doch eigentlich bedeutet es viel mehr. Wie die Autorin Lola A. Åkerström in ihrem Buch „In der Mitte liegt das Glück“ erklärt: „Lagom steht für den ultimativen, idealen Punkt oder die goldene Mitte in deinem Leben, und es möchte dich ermuntern, genau die Entscheidungen zu treffen, die dich dort hinführen.“

Jedem sein eigenes Lagom

Die Schweden setzen dabei auf sehr viel Individualität. Wie sollte es auch anders sein in einem Land, in dem Figuren wie Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga zum Kulturgut gehören. Das bedeutet, jeder muss selbst für sich herausfinden, was gerade richtig für ihn ist. Was für mich Lagom ist, muss es für mein Gegenüber noch lange nicht sein, aber man könnte ja an einem gemeinsamen Optimum arbeiten.

Lagom; Knesebeck Verlag; Åkerström

Kinder verstehen Lagom instinktiv

Das Lagom-Prinzip ermöglicht eine entspannte und gleichzeitig konsequente Kindererziehung. Denn schwedische Kinder lernen im alltäglichen Zusammenleben von klein auf, wie wichtig es ist, sich nicht hervorzuspielen und die Gemeinschaft zu achten. Zwar mag es anfangs etwas anstrengend klingen, ständig Rücksicht nehmen zu müssen. Doch die Kinder begreifen instinktiv sehr schnell, wann sie etwas „geben“ müssen und wie viel sie sich an anderer Stelle (heraus-)nehmen dürfen, damit die Gruppe im Gleichgewicht bleibt. Das gilt in Kindergarten und Schule genauso, wie im familiären Umfeld. „Jeder von uns soll individuelle Zufriedenheit erlangen, aber gleichzeitig im Einklang mit der Gesellschaft stehen und sich von Harmonie umfangen fühlen“, schreibt Åkerström in ihrem Buch.

Schweigen ist Gold

Die Schweden gelten als nicht sehr gesprächig. Persönliches wird in einem lockeren Smalltalk kaum Thema und Klatsch ist kein Zeitvertreib. Grundsätzlich gilt in Schweden nämlich die Regel: Bevor etwas Schlechtes gesagt wird, wird lieber geschwiegen. Auch Jammern ist nicht schwedisch. Es ändert nichts an der Situation, ist für die pragmatischen Schweden also nur eins: Zeitverschwendung.
Dafür gehört zu Lagom, dass man seinem Gegenüber im Gespräch aufmerksam zuhört. Das heißt man nimmt sich Zeit, dessen Geschichte bis zum Ende zu hören, man sucht Augenkontakt und man unterbricht nicht. Gesprächsregeln, die zu einem harmonischen Miteinander führen, denn der andere merkt, dass man ihn sowohl als Person, als auch das was er sagt, respektiert. Eine schöne Angewohnheit, die wir nicht nur unseren Kindern beibringen, sondern auch selbst im stressigen Alltag viel öfter beherzigen können. Denn wie oft bekommen unsere Kleinen zu hören „Gleich, Schatz!“, wenn sie uns etwas erzählen wollen. Und wie oft nörgeln wir in Anwesenheit der Kinder vor uns hin weil die Schlange an der Supermarktkasse so langsam vorwärts kommt, der Autofahrer vor uns trödelt oder der Bus sich verspätet hat. Lagom zeigt uns, dass es auch anders geht und dass weniger Maulen gut für die allgemeine Stimmung ist und zufriedener macht.

Lagom; Knesebeck Verlag, @Åkerström

Die Kraft der kleinen Pause: „Fika“

Auf sich selbst achten und eine ausgewogene Work-Life-Balance anzustreben ist für Schweden selbstverständlich. Ein kleines Alltagsritual dafür ist die „Fika“. Es beschreibt eine kleine Pause, in der man mit Kollegen zusammen kommt, eine Tasse Kaffee trinkt und dazu eine Zimtschnecke oder ein Kardamombrötchen isst. „Dabei geht es bei diesen kleinen Kaffeepausen nicht darum, sich mehrmals am Tag mit Zimschnecken vollzustopfen. Sie sind in erster Linie eine kleine Auszeit, um sich selbst wieder zu spüren und seine Mitte zu finden. Im direkten Austausch mit netten Menschen lässt man den Verstand zur Ruhe kommen und bringt seine Gedanken, die Arbeit und Gefühle wieder ins Gleichgewicht“, erklärt Lola A. Åkerström. Fika kann es bis zu drei Mal am Tag geben. Dieses kleine Ritual ist eng verbunden mit dem Lagom-Lifestyle. Denn in Schweden bekommt man wenig Anerkennung dafür, wenn man häufig Überstunden macht oder gehetzt am Schreibtisch mittags ein Brötchen hinunterschlingt. Laut einer Studie aus Schweden sind übrigens die Unternehmen produktiver, die die „Fika-Tradition“ pflegen.

Warum Lagom glücklich macht

„Lagom hat eine Kultur der Fairness und des Vertrauens geschaffen. Es zügelt Konsumismus und Selbstsucht, und es sorgt dafür, dass das ganze Team – ob nun eine Schule, eine Firma oder eben auch ein ganzes Land – gerecht an allem beteiligt wird“, erklärt der Autor, Ökonom und Unternehmensberater Dr. Kjell A. Nordström. Höchste Zeit also, dass wir auch hier ein wenig mehr Lagom leben.

Lagom_Åkerström; Knesebeck 2017
Wer mehr über Lagom wissen will findet alles dazu in dem Buch von Lola A. Åkerström, erschienen im Knesebeck Verlag für 14,95

 

Bilder: Aufmacher: Shutterstock; Lola A. Åkerström