Die Geschichte der Puppen ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Für die einen sind sie treue Wegbegleiter, Sammlerstück oder liebgewordenes Erinnerungsstück an die eigene Kindheit. Doch wie wurde die Puppe vom Prestigeobjekt zum Spielzeug? Und warum ist sie heute noch so wichtig?

Welchen Namen die erste eigene Puppe trug, haben wohl die meisten noch im Gedächtnis. Einige verwahren sie bis heute in der hinteren Schrankecke, andere haben sie an ihre Kinder weitergegeben. Tatsache ist: Für fast alle Kinder gab es eine Zeit, in der die Puppe über Jahre engster Freund und Begleiter war. Gabriele Pohl, Diplom-Pädagogin und Autorin des Buches „Familie: Basislager für Gipfelstürmer“ sagt dazu: „Die Puppe ist für das Kind ein beseeltes Wesen. Man kann ihr seinen Kummer anvertrauen oder sie bemuttern. Sie ist für beides gut. Sie ist Tröster, Begleiter und Spielkamerad. Häufig ist sie auch ein sogenanntes Übergangsobjekt. Das ist ein Symbol für die mütterliche Anwesenheit. Es stillt das Bedürfnis nach der Mutter und ermöglicht gleichzeitig die allmähliche Loslösung von ihr.“

Puppen aus Knochen und Steinen

Puppen, angelehnt an das lateinische Wort „pupa“ (Mädchen), gibt es schon sehr lange. Die ältesten erhaltenen stammen noch aus der Jungsteinzeit und wurden aus Knochen und Steinen gefertigt. Viele von ihnen wurden aber wohl damals von den Kindern noch  nicht zum Spielen, sondern für religiöse Zwecke genutzt. Die Geschichte der Puppen beginnt im 15. Jahrhundert. Dann setzte dann die gewerbliche Puppenproduktion ein und im 19. Jahrhundert erlebten die figürlichen Nachbildungen von Menschen als Spielzeug für Kinder ihre erste große Blütezeit. Zu dieser Zeit ähnelten die Puppen quasi kleinen
Mini-Erwachsenen mit fein geschnittenen Porzellangesichtern und teuren Kleidern. Damit sollten sie den Kindern – insbesondere natürlich den Mädchen – als Vorbild dienen, wie später die perfekte Ehefrau auszusehen und zu sein hatte. Fast immer wurde darum mit ihnen nur unter der belehrenden
Aufsicht der Erwachsenen gespielt. Die französische Schriftstellerin Julie Gouraud schrieb dazu in „Mémoires d’une poupée“ (1854): „Wie kleine Mädchen mit ihren Puppen spielen, so werden sie später als Frauen durch die Welt gehen.“

Kleines Kind mit Puppe von Käthe Kruse
Der erste treue Begleiter: Die Puppe ist oft das liebste Spielzeug von Kindern.

Ein Kind für ein Kind

Erst als sich im Biedermeier ein neues Verständnis für die Kindheit durchsetzte und Kinder auch wirklich Kinder sein durften, wandelte sich die Funktion der Puppe – weg vom Vorbild der braven Ehefrau hin zu einem treuen Gefährten und Begleiter. Wirft man einen Blick auf die Geschichte der Puppen so entstanden in Thüringen  Ende des 18. Jahrhunderts erstmals die heute so wertvollen „Charakterpuppen“, die statt des idealisierten Frauengesichts das gesamte Spektrum der Kindermimik abbildeten.

Puppen zum Spielen

Neben Käthe Kruse begannen auch Firmen wie Götz, Schildkröt und Steiff Puppen zu produzieren, die in erster Linie nicht schön, sondern „bespielbar“ waren. Käthe Kruse beispielsweise, die für die Natürlichkeit ihrer Puppen gefeiert wurde, schuf besonders kindliche, aber neutrale Gesichter, damit Kinder sich in egal welcher Stimmungslage darin wiederfinden konnten. Es waren Puppen, die anstelle von Porzellan einen warmen, biegsamen, mit Sand gefüllten Stoffkörper besaßen und bewusst keine Mini-Erwachsenen darstellten, sondern echten Babys und Kindern nachempfunden waren. „Eine Babypuppe ist das Abbild des Kindes einerseits, d. h. das Kind spiegelt im Spiel eigene Erfahrungen oder Wünsche wider, kann aber auch zum ‚Kind‘ des Kindes werden, wo es dann umsorgt, gepflegt, aber auch mal ausgeschimpft wird“, so Gabriele Pohl.

Das Phänomen Barbie

Die Geschichte der Puppen änderte sich im 20. Jahrhundert. Mit dem Material Plastik als neue Allzweckwaffe wurden Puppen dann schließlich zu einem günstigen Massenprodukt, das in keinem Kinderzimmer mehr fehlen durfte. Spielwarenhersteller wie Zapf begannen in den 1960er-Jahren damit, so robuste Plastikpuppen zu schaffen, dass man sie sogar bedenkenlos baden und wickeln konnte. Fast zur gleichen Zeit wie die wickelbaren Babypuppen kam auch die erste Barbiepuppe auf den Markt. Für ihre Kritiker wurde die überschlanke Frau schnell das, was die Pariserin im 19. Jahrhundert war: eine Traumfrau, die ein unerreichbares Schönheitsideal verkörpert und mit der sich das Kind dennoch identifiziert. Dabei war die Barbie von ihrer Erfinderin Ruth Handler eigentlich als bewusste Alternative zu den Baby- und Kleinkindpuppen entwickelt worden. Ihre Idee: Kinder sollten  ihre Puppen nicht länger nur bemuttern, sondern sich selbst mehr in das Spiel mit ihnen einbringen. Die ersten Barbiepuppen trugen darum ganz bewusst nur einen Badeanzug, während die dazugehörige Kleidung separat und ganz nach der Fantasie des Kindes gekauft werden konnte. Ab 1961 gab es sogar bereits Doktorhut und Robe für Barbie zu kaufen. Puppen als Spiegel der Seele.

Die Puppe als Bindeglied

Bei der Auswahl der liebsten Puppe sollten Eltern darum nicht zu streng sein. Denn wie viel ein Kind am Ende in seine liebste Puppe hineinprojiziert oder was die liebste Puppe wird, bleibt ihm selbst überlassen. „Es ist nicht immer die Puppe, die sich die Eltern für ihr Kind wünschen würden“, so Gabriele
Pohl. Viel wichtiger sei es, als Erwachsener die Puppe zu würdigen: „Die Puppe und das Spiel mit ihr sollten ernst genommen werden. Sie ist ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Kind und der Welt und hilft ihm, die Welt
besser zu verstehen. Sie ist ein Schlüssel zum Unbewussten, zu den Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen des Kindes. Die Puppe, ganz gleich ob klassische Babypuppe oder schick zurechtgemachte Dame, wird so zum Spiegelbild des Kindes.“

Fotos: Ciao Bimba, Käthe Kruse