Dänemark gilt als eines der glücklichsten Länder der Welt. Und laut der dänischen Autorin Iben Dissing Sandahl gibt es dort auch die glücklichsten Kinder. Wir haben mit der Psychotherapeutin und Familienberaterin über die Erziehungsgeheimnisse dänischer Eltern gesprochen und wollten wissen: Wie geht Hygge für Familien?

Was ist der Hauptunterschied zwischen dänischer Kindererziehung und der in anderen Ländern, zum Beispiel Deutschland?

Iben Dissing Sandahl: Wie wir aufwachsen, ist Teil unseres kulturellen Erbes. Wie wir im Leben agieren und Entscheidungen treffen, gründet sich auf das, was wir von unseren Eltern gelernt haben und was die gesellschaftlichen Werte vorgeben. Deshalb ist es nur natürlich, dass Kinder in anderen Ländern anders erzogen werden. Trotzdem möchte ich die dänische Perspektive und die dänischen Erfahrungen teilen, weil sich daraus vielleicht bei einigen eine neue Sicht der Dinge entwickelt. Denn ich bin der Ansicht: Wenn wir es schaffen, unser eigenes Verhalten zu verbessern, haben wir auch die Kraft, die Welt generell zu einem besseren Ort zu machen. Wir Dänen sind ein sehr vertrauensvolles Volk. Das sieht man an unseren Beziehungen zu anderen und daran, wie wir Kinder großziehen. Aber auch an der entspannten Art, wie wir als Land international agieren. Wir glauben, dass unsere Kinder „langsam“ aufwachsen sollen, das heißt mit möglichst wenig Einmischung der Eltern, mit viel freiem Spiel, dem Gefühl von „Hygge“ und einer starken Bindung zu den Eltern.

Wie funktioniert dieses Hygge?

Zuallererst begegnen wir unseren Kindern mit Respekt. Wir wollen keinen blinden Gehorsam, aber wir hören zu, wenn unsere Kinder etwas zu sagen haben oder etwas fragen. Ich glaube, wir sind ganz gut darin, die Gefühle unserer Kinder zu erkennen. Das ist besser als ihnen zu sagen, dass sie nicht so oder so fühlen oder sein sollen. Auf diesem Weg bringen wir ihnen schon über unsere Sprache Empathie bei. Ich denke, der Unterschied zu anderen Ländern besteht darin, dass wir das Kind in seiner Ganzheit betrachten und mehr Wert auf seine Sozialisation als auf Noten oder Leistungen legen. Dabei vermeiden oder verleugnen wir aber nicht die Tatsache, dass das Leben Höhen und Tiefen hat. Stattdessen begegnen wir ihnen offen und lernen, damit umzugehen, was immer auch passiert. Kinder, die beobachten, wie ihre Eltern offen mit Konflikten umgehen, erlangen auf ganz natürliche Weise das Grundvertrauen, dass auch sie später schwierige oder schmerzhafte Zeiten bewältigen können.

5 Tipps für eine hyggelige Familienzeit könnt ihr hier nachlesen.

Kinder spielen Fussball

Was sind die Geheimnisse des Glücks in Dänemark?

Es gibt dafür viele Erklärungen, aber niemand hat sich bisher mit unserer Art, Eltern zu sein, beschäftigt. Das habe ich immer seltsam gefunden. Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren mit Kindern, also war es für mich einleuchtend, dass die Art, wie wir unsere Kinder erziehen, eine Menge damit zu tun hat. Einige der wichtigsten Punkte dazu haben Jessica Joelle Alexander und ich in unserem Buch unter dem Akronym GLUECK zusammengefasst: Die Anfangsbuchstaben stehen für „Gutes Spiel“, „Lernorientierung“, „Umdeuten“, „Empathie“, „Coolbleiben“, „Kuscheliges Zusammensein“.

Warum gemeinsame Familienessen so wichtig für den Zusammenhalt sind und was man als Eltern dabei beachten sollte lest ihr hier.

Sind Eltern in Dänemark einfach weniger gestresst als Eltern in anderen Ländern?

Nein, das glaube ich nicht. Dänemark ist nicht Utopia. Wir haben Probleme wie andere Länder auch. Dänemark wurde über 40 Jahre lang als eines der glücklichsten Länder eingestuft. Trotzdem haben wir immer noch unglückliche und gestresste Menschen hier. Als Psychotherapeutin und Familienberaterin arbeite ich jeden Tag mit Kindern und Familien, die ernste Probleme haben. Ich nenne uns darum immer die am wenigsten unglücklichen Menschen …
Ich glaube, das Thema hat auch zu tun mit sich verändernden Werten und dem beschleunigten gesellschaftlichen Wandel. Dem können auch wir in Dänemark uns nicht entziehen. Die ganze Umwelt scheint hektischer geworden zu sein und das hat eine andere Stufe von Stress zur Folge und mehr unglückliche Menschen. So werden unsere starken pädagogischen Prinzipien erschüttert, die erwiesenermaßen gesunde und selbstbewusste Kinder aufwachsen lassen. „Hygge“ zum Beispiel ist Teil unserer Identität – es ist eine gute Möglichkeit, Stress, Probleme, Verurteilungen und Gejammer für eine gewisse Zeit außen vor zu lassen und die Zeit des Zusammenseins zu genießen. Kinder lieben es, denn sie genießen eine eng verbundene Gemeinschaft mit ihren Familien, die nicht beeinträchtigt wird von Negativem. Das ist etwas, das Dänen hoch schätzen.

Wie wichtig ist es für Kinder zu spielen und wie sollen sie spielen?

Forschungen zeigen, dass freies Spiel allein oder mit Freunden die Kinder lehrt, weniger ängstlich zu sein, es macht sie belastbarer und fördert ihre sozialen Fähigkeiten. Kinder haben beim Spielen das Gefühl, Kontrolle über ihr eigenes Leben zu besitzen, was wiederum eine größere Selbstständigkeit und Selbstkontrolle zur Folge hat. Wie wertvoll wir uns selbst einschätzen, hängt stark davon ab, was wir im Leben schon alles geschafft haben. Mit anderen Worten: Wir erlangen Selbstvertrauen, wenn wir – im Spiel – Mut bewiesen haben. Spielen ist also wichtig für das sich entwickelnde Selbstwertgefühl.

In Dänemark versuchen wir, die Kinder so oft wie möglich frei spielen zu lassen, bieten viele Aktivitäten draußen an und schaffen auch zu Hause eine Atmosphäre, in der Kinder sich in ihrer eigenen Geschwindigkeit entwickeln können. Seit der ersten Erziehungstheorie in Dänemark von 1871 wurde das Spiel nicht nur als Möglichkeit, sondern als entscheidende Grundlage für die kindliche Entwicklung angesehen. Selbst heute gehen Kinder bis zum Alter von zehn Jahren nach der regulären Schule in eine Einrichtung, die sich „Freizeitschule“ nennt, wo sie zum Spielen aufgefordert werden, ohne die konkrete Absicht, ihnen dabei etwas beizubringen. Spontanes Spiel findet eher statt, wenn sich Kinder sicher und angenommen fühlen und eine Atmosphäre von „Es ist okay“ herrscht.

Bieten Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, sinnliche Erfahrungen zu machen. Eine tolle Aussicht, interessante Geräusche, unterschiedliche Geschmäcker, Gerüche, Texturen und natürlich auch Bewegung – das alles regt unsere Sinne an. Es ist ganz einfach und kann drinnen wie draußen erfolgen. Der Schlüssel ist, eine spielerische Umgebung für Ihr Kind zu schaffen, in dem es Zeit und Raum fürs Spielen gibt. Alles andere wird sich von allein fügen.

Es war sehr spannend in Ihrem Buch, über das Thema „Umdeuten“ zu lesen, also wie wir unsere Kinder über Sprache positiv beeinflussen. In der Praxis ist es schwer umzusetzen, vor allem wenn die Kleinen einen wahnsinnig machen. Haben Sie einen Rat für Eltern, wie sie zu „besseren Eltern“ werden können?

Durchatmen und bis zehn zählen, das ist mein bester Tipp. Kurz durchatmen, dann sieht man die Situation vielleicht in einem anderen Licht oder in einem größeren Zusammenhang. Für mich heißt Umdeuten auch, genau auf die Details in den Geschichten der Kinder zu hören und ihnen zu helfen, eine positive Rückschau auf sich selbst zu entwickeln. Es kann ein eventuell düsteres Bild in etwas Freundliches, Bestärkendes verwandeln.

Stichwort „Hygge“: Können Sie uns noch ein paar Tipps geben, wie wir dieses viel beschriebene und ganz besondere dänische Lebensgefühl in unsere Familien bringen können?

Viele Jahre lang hatte ich die Möglichkeit, meine Kinder relativ früh vom Kindergarten oder von der Schule abzuholen. Zu Hause setzten wir uns mit einem kleinen Snack an den Esstisch und sprachen darüber, wie ihr Tag so gelaufen war. Meine Mädchen erzählten mir, was alles passiert war, und wir lachten zusammen und hatten eine gute Zeit. Manchmal sprachen wir dabei auch über schwierige Situationen, die sie erlebt hatten, und wir nahmen diese Erfahrungen und sahen sie uns genau an. In der Winterzeit zündete ich eine Kerze an und machte uns eine heiße Schokolade oder einen Tee. Dann habe ich ihnen eine Geschichte vorgelesen und sie konnten sich meiner vollen Aufmerksamkeit sicher sein; anschließend waren sie dann so weit, allein zu spielen. Das war sehr hyggelig und machte auch die Zeit danach viel einfacher, weil sie sich dann allein beschäftigen konnten.

Haben Sie einfache Tipps, wie Familien sich glücklicher fühlen können?

Einer meiner besten und wichtigsten Tipps ist, jede Anstrengung auf sich zu nehmen, um enge und tiefe Beziehungen zwischen allen Familienmitgliedern zu schaffen, die auf Vertrauen, Empathie und Respekt beruhen. Sich verbunden zu fühlen gibt unserem Leben eine Bedeutung und einen Sinn. Wenn wir wissen, dass wir jemandem wichtig sind, dass wir gesehen, gehört und verstanden werden, dann gibt uns das ein Gefühl des Glücks. Und auch Familien sollten viel spielen. Haben Sie Spaß, lachen Sie, erzählen Sie verrückte Geschichten! In meinem Buch „Play The Danish Way“ („Spielen auf dänische Art“) führe ich aus, warum Spielen ein entscheidendes Element für die kindliche Entwicklung ist. Und wie es gelingt, mithilfe des Spielens gesunde und resiliente Kinder aufzuziehen.

 

Dänische Kindererziehung; Autorin Iben Dissing SandahlIben Dissing Sandahl

Die Autorin war zehn Jahre lang Lehrerin in Dänemark, bevor sie narrative Psychotherapie studierte. Inzwischen arbeitet die Mutter von zwei Kindern als Familiencoach und Psychotherapeutin mit eigener Praxis in der Nähe von Kopenhagen. Mit Jessica Joelle Alexander hat sie das Buch „Warum dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind“ geschrieben (Mosaik Verlag 2017, 18 Euro). Ihr auf Englisch erschienenes Buch „Play The Danish Way“ (2017) liegt als Kindle Edition vor (9,99 Euro).

Foto Slider: istock, Foto im Text: unsplash.com; privat

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