Was kocht Jamie Oliver wenn es zuhause schnell gehen muss? Und wie bringt er seine fünf Kinder dazu, Gesundes zu essen? Wir haben den Fernsehstar und Bestsellerautor zum Interview getroffen.

Von Christine Mortag

Jamie Oliver braucht nur zwei Worte, um für gute Stimmung zu sorgen. „Hey, Darling!“, sagt er zur Begrüßung. So als würde man sich ewig kennen. Dann kommt er auf einen zu, breitet die Arme aus, Küsschen links, Küsschen rechts. Ganz ehrlich, wir sind uns noch nie begegnet. Mit etwas über 40 Jahren sieht er immer noch aus wie ein großer Junge. Lässig gekleidet ist er, ausgewaschenes blaues Hemd, ausgewaschene Jeans, Sneakers von Nike. Genauso locker lässt er sich ins beigefarbene Sofa der Hotelsuite plumpsen und plaudert drauf los. Mit Händen und Füßen und allerbester Laune.

Denn Jamie Oliver hat eine Mission: Seit 17 Jahren setzt er sich für gesundes Essen für alle ein. Frische Zutaten statt Junkfood. Das alles mit einfachen Rezepten zum kleinen Preis. Wie das geht, hat er in unzähligen Kochshows gezeigt. Nach dem gleichen Prinzip hat er auch das Kantinenessen in britischen Schulen revolutioniert und die Regierung dazu gebracht, ihn mit 400 Millionen Euro zu unterstützen. Jamie Oliver aus dem kleinen Ort Clavering in Essex ist also so etwas wie der Robin Hood der gesunden Ernährung. Und wer ihn erlebt, ahnt warum er so erfolgreich ist. Weil er seine Botschaft nicht oberlehrerhaft mit erhobenem Zeigefinder verkauft, sondern mit Spaß und einer Begeisterung, die einfach jeden mitreißt.

Mr. Oliver, Sie haben fünf Kinder. Wie sieht bei Ihnen der ganz normale Alltag aus?

Jamie Oliver: Normaler Alltag? Machen Sie Witze? Ein Leben mit Kindern bedeutet Chaos, ein Leben mit fünf Kindern bedeutet noch mehr Chaos. Wie die meisten Eltern lebe auch ich in ständiger Angst, dass etwas passiert und selbst in den schönsten Momenten weißt du, dass du nur etwa 30 Sekunden von der nächsten Katastrophe entfernt bist. Allein fünf Kinder in ein Auto zu bekommen, ist eine Herausforderung. Du sitzt startklar hinterm Steuer, denkst, es geht los! Plötzlich fehlt wieder einer. Du rennst zurück ins Haus, da steht dann die Tochter, die eben noch im Auto saß, im Bad und macht sich die Haare. Warum in aller Welt macht sie sich jetzt die Haare?

Haben Sie schon mal ein Kind vergessen? 

Ach, nicht der Rede wert. Nur ein paar Mal.

Trotz allem sehen Sie ziemlich entspannt aus.

Der Trick ist, Sie müssen das Chaos lieben lernen. Man ist ja nur deshalb so gestresst, weil man will, dass auch mit Kindern immer alles perfekt läuft. Vergessen Sie es lieber gleich. Eine aufgeräumte, ordentliche Wohnung? Wird nicht funktionieren. Traute Zweisamkeit? Denken Sie nicht mal dran. Ich hatte nie damit gerechnet, mal so eine große Familie zu haben. Ehrlich gesagt, mir hätten auch zwei Kinder gereicht. Jetzt sind es fünf und dann muss man sich eben mit den Gegebenheiten arrangieren.

Wie sind sie als Vater? Streng? Lustig? 

Ich habe mich eigentlich immer für einen recht coolen Vater gehalten. Ich würde mal sagen, für unter Zehnjährige bin ich definitiv der High-Five-Typ, mit dem man ziemlich viel Spaß haben kann. Aber seit meine beiden ältesten Töchter im Teenageralter sind, zweifle ich zum ersten Mal wirklich an mir selber. Erst gestern bat mich meine Frau zu einem Grundsatzgespräch und gab mir deutlich zu verstehen, was sie von meinen erzieherischen Fähigkeiten hält.

Die Pubertät ist doch für alle Eltern eine Herausforderung.

Ja, ich weiß. Klar. Aber die Entwicklung ist so rasant, ich komme als Vater überhaupt nicht hinterher. Letzte Woche hattest du noch ein kleines süßes Mädchen und heute kommt da diese junge Lady die Treppe runter, die so tut, als würde sie dich nicht kennen.

Essen ist wahrscheinlich auch gerade kein Spaß? Teenager sind doch ständig auf Diät. 

Nein. Masse und Umfang ist nicht das Thema. Viel wichtiger ist für sie die Frage, welche Art von Food gerade angesagt und stylish ist. Da heißt es dann: Oh, Dad, können wir bitte Sushi machen? Oder irgendwas mit Chiasamen?

Mit all Ihren Projekten setzen Sie sich für eine gesündere Ernährung ein. Wie aber bringen Sie Ihre Kinder dazu, Gemüse statt Schokoriegel zu essen?

Alles eine Frage der Verkaufe. Eltern müssen heute vor allem Marketing-Experten sein. Die Lebensmittelkonzerne machen auch nichts anderes. Kinder stopfen ja nicht Unmengen von Junkfood, Süßkram und Softdrinks in sich hinein, weil es genetisch bedingt ist. Sie tun es, weil sie täglich und ganz massiv mit hunderten von Werbebotschaften bombardiert werden.

Was heißt das jetzt konkret für Sie und Ihre Kinder?

Ich bin pausenlos damit beschäftigt, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen. Von selbst passiert da nichts, man muss sich schon was einfallen lassen: Wir pflanzen im Garten Gemüse an. So sehen sie, wie etwas wächst und entsteht. Wenn wir zusammen kochen, sorge ich für jede Menge Spaß und gebe ihnen Aufgaben, die sie bewältigen können, damit sie nicht frustriert sind. Selbst einen Einkauf im Supermarkt muss man so gestalten, dass er ihnen wie ein Abenteuerausflug vorkommt. Den Vogel aber hat meine Frau abgeschossen.

Warum? Was hat sie gemacht?

Sie hat die Kinder offenbar einer Gehirnwäsche unterzogen. Letzens komme ich abends nach Hause, da sitzen die fünf Kids friedlich auf dem Sofa, und knuspern statt Schokolade genüsslich gefrorene grüne Erbsen. Jawohl, grüne Erbsen! Keine Ahnung wie, aber meine Frau hat es tatsächlich geschafft, ihnen diese kalten Dinger als absolute Delikatesse, als Objekt der Begierde zu verkaufen.

Dürfen Ihre Kinder Süßigkeiten essen? 

Warum denken bloß alle, ich sei so ein spaßfreier Dogmatiker, wenn es ums Essen geht? Natürlich gibt es bei uns Süßigkeiten. Das ganze Programm. Wenn man sich ansonsten gesund ernährt, ist gegen Schokolade, Bonbons oder mal eine Cola überhaupt nichts einzuwenden. Süßigkeiten sind doch ein Genuss. Das waren sie schon als Kind für mich. Sie sollten nur etwas Besonderes bleiben und nicht ständig verfügbar sein.

Wenn Sie an Ihre Kindheit denken, an welchen Geruch erinnern Sie sich?

Ich bin praktisch im Pub meiner Eltern aufgewachsen. Wie man sich denken kann, riecht es an solchen Orten nach ziemlich viel Männlichkeit in all seinen Facetten. Ich erinnere mich an diese ganz spezielle Mischung aus Alkohol, Aftershave, Ausdünstungen und Tabak. Damals durfte in Gaststätten ja noch geraucht werden. Ich rauche nicht, rieche es aber gern, wenn sich jemand eine Pfeife anzündet, so wie mein Großvater früher.

Was war Ihr erstes selbstgekochtes Gericht? 

Ein Omelette mit Käse und Tomaten. Da war ich ungefähr sechs Jahre alt. Ich war damals stolz wie Bolle, weil es mir so ein Gefühl von Unabhängigkeit gab. In dem Moment wusste ich, wenn ich Hunger habe, kann ich mir selber etwas zu Essen machen. Mit zehn wagte ich mich an etwas Größeres. Ein komplettes Sonntagsessen mit Brathähnchen, Röstkartoffeln, Saucen und Gemüse. Als alle gegessen hatten, applaudierte mein Vater und nahm mich in den Arm. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Wurden Sie sonst nicht gelobt?

Ich war saumäßig schlecht in der Schule und auch sonst gab es für meine Eltern wenig Anlass, stolz auf mich zu sein.

Haben Sie damals beschlossen, Koch zu werden?

Ja, da könnte etwas dran sein. Hab ich noch nie so drüber nachgedacht. Mit dem Kochen hatte ich etwas gefunden, in dem auch ich gut war.

Interview; Jamie OliverJamie Oliver wurde 1975 in England geboren. Sein Spitzname „The Naked Chef“ geht auf seine erste Kochsendung zurück. Inzwischen ist Oliver ein Multimedia-Star der Dutzende von Kochbüchern veröffentlicht hat, eine Restaurantkette betreibt, eigene Kochshows hat und sich maßgeblich für gesunde Ernährung einsetzt. Er ist seit dem Jahr 2000 mit Juliette Norton (Spitzname „Jools“) verheiratet. Die beiden haben fünf Kinder namens Petal Blossom, Daisy Boo, River Rocket, Buddy Bear, Poppy Honey. Gerade ist Jamie Olivers neues Buch „5 Zutaten Küche“ bei Dorling Kindersley erschienen (26,95 Euro). Weitere Rezepte und Inspirationen zu Jamie Olivers Küche findet ihr unter www.jamieoliver.com

Warum Essen im Familienkreis so wichtig sind lest ihr hier.

Bild: Gettyimages; Tristan Fewings