Kirsten Boie ist eine der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautorinnen und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. Wir haben uns mit ihr über Erziehung, Helikoptereltern, über Fantasie und natürlich über das Schreiben von Kinderbüchern unterhalten.

Vor dreißig Jahren hat Kirsten Boie begonnen, Bücher für Kinder zu schreiben. Eigentlich hatte sie das gar nicht vorgehabt, doch ihren Beruf als Lehrerin konnte sie, nach Meinung des Jugendamtes, nach der Adoption eines Kindes nicht mehr weiter ausüben. Entweder Mutter sein oder arbeiten, lautete die strikte Vorgabe damals.

Also begann sie zu schreiben und hatte das Glück, dass sich schon nach dem Versenden der ersten Textproben der Oetinger Verlag bei ihr meldete und sie unter Vertrag nahm. Seitdem sind viele Bücher entstanden, die die deutsche Kinderbuchszene positiv geprägt haben. „Der kleine Ritter Trenk“, „Wir Kinder aus dem Möwenweg“, „Thabo Detektiv & Gentleman“ sind nur einige von Kirsten Boies bekannten Titeln.

Vor kurzem hat sie ihr neuestes Werk veröffentlicht: „Ein Sommer in Sommerby“. Darin geht es um drei Geschwister, die kurzfristig in den Ferien zu ihrer etwas schrulligen Oma müssen. Diese lebt ohne Mobiltelefon oder WLAN in einem idyllischen Haus an der Küste. Der Sommer wird für die Kinder so ganz anders als erwartet …

 

Was war die Idee zu dem Buch „Ein Sommer in Sommerby“? Es erinnert beim Lesen ein bisschen an ein modernes Bullerbü …

Kirsten Boie: Ja, vielleicht erinnert es nicht nur an Bullerbü, sondern – wenn man schon an Lindgren denkt – auch an Saltkrokan, das ja ebenfalls eine Feriengeschichte ist. Ich bin bekennender Astrid Lindgren Fan. Sollte es einen Autor oder eine Autorin geben, die mich geprägt hat, dann wäre das sicherlich sie und ich finde ihre Bücher bis heute großartig.

In meinem Buch „Sommerby“ hat die Landschaft eine große Rolle gespielt. Die Geschichte spielt ganz oben im Norden, nahe der dänischen Grenze an der Schlei in Schleswig-Holstein. Dort sind in den letzten zehn Jahren viele meiner Bücher entstanden und ich hatte das Gefühl, ich schulde der Gegend auch einmal ein Buch, nachdem ich ihr so viel verdanke. Ich habe irgendwann, als ich auf einem Steg stand, ein kleines Haus entdeckt, das genau so da lag wie das im Buch beschriebene Haus. Das fand ich sehr faszinierend.

Ich habe versucht mir vorzustellen, wer wohl so leben könnte und warum, und so bin ich auf die Figur der Oma gekommen, die ja eine große Rolle spielt. In so einem Haus, in so einer Gegend könnten Kinder einen Sommer erleben, wie er sonst nur noch schwer erlebbar ist. Einfach weil diese Oma so abgeschnitten von allen üblichen Kommunikationskanälen lebt, was die Kinder dann zwingt, plötzlich nur „wirklich“ und überhaupt nicht virtuell zu leben. Das ist heute nur noch selten der Fall und in der Geschichte konnte ich das schön durchspielen.

Die Oma in Ihrem Buch hat ganz andere Erziehungsprinzipien, als die Mutter der Kinder. Sie traut den Kindern auch viel mehr zu. Denken Sie das ist ein Generationenproblem?

Mein Eindruck ist tatsächlich, dass sich von Generation zu Generation das, was man den Kinder zutraut, immer weiter reduziert. Doch gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die Kinder auf anderen Gebieten.

Früher durften Kinder problemlos alleine draußen spielen, das ist heute kaum noch der Fall. Auf Spielplätzen haben sich Eltern früher nicht eine Sekunde Gedanken gemacht. Das war ein Spielplatz, der war für Kinder geschaffen, da durften sie alleine bleiben. Oder der Schulweg ist ein wunderbares Beispiel, verbunden mit dem Argument, der Straßenverkehr hätte stark zugenommen, was ja längst nicht in allen Fällen stimmt. Es ist vielfach so, dass die Kinder heute einen viel weniger gefährlichen Schulweg haben als die Generation ihrer Eltern, aber trotzdem werden sie zur Schule gefahren.

Natürlich müssen Eltern darauf achten, dass ihre Kinder nicht in gefährliche Situationen geraten. Aber häufig könnten Kinder doch sehr viel mehr, als man ihnen zutraut und daraus könnten sie sehr viel Selbstbewusstsein schöpfen. Ich finde es fatal, wenn Kinder ihr Selbstvertrauen hauptsächlich aus schulischen Leistungen beziehen müssen.

Das ist nicht für alle gleichermaßen leicht. Während ein Leben, in dem man auch andere Dinge leistet, die Kinder stärkt – auch wenn sie etwas ganz Banales machen wie Geschirr abtrocknen, oder wie in dem Buch, wenn der kleine Mikkel die Hühnereier sammelt, damit alle abends etwas Vernünftiges zu essen haben. All das gibt Kindern das Gefühl: ich bin wichtig für meine Familie, ich leiste etwas, ohne mich müsste das jemand anderes machen.

Sie schreiben schon lange Kinderbücher. Was hat sich im Lauf ihrer Tätigkeit als Autorin an der Kindheit generell verändert?

Kirsten Boie, Kinderbuchautorin, @Indra Ohlemutz
Kirsten Boie schreibt seit 30 Jahren Kinderbücher; @ Indra Ohelmutz

Wie wir gerade besprochen haben: Ich glaube wir trauen unseren Kindern weniger zu. Was sich noch stark verändert hat, ist die Mediensituation. Das führt dazu, dass die Kinder schon von ganz jungem Alter an mit Tablets und Handys aufwachsen, mit allem was es da an technischen Möglichkeiten gibt.

Das ist nichts, was ich grundsätzlich ablehne. Ich nutze ja auch die sozialen Medien. Ich könnte nicht mehr ohne WLAN sein, da kriege ich Entzugserscheinungen. Doch all das bindet auch eine Menge Zeit. Und wenn man dann noch dazurechnet, wie viel Zeit für die Schule aufgewendet werden muss, bleibt für so etwas Altmodisches wie draußen spielen oder mit Freunden spielen kaum noch Raum. Das, glaube ich, ist die größte Veränderung im heutigen Kinderleben gegenüber früher.

Ich möchte ihnen das nicht wegnehmen, denn ich denke in dosierter Form ist das gut, aber ich würde ihnen zwischendurch auch jede Menge Realerfahrung wünschen und vielleicht durchaus mal so eine kleine Auszeit, wie die Kinder sie in meinem Buch haben konnten.

Welches Buch hat Ihnen bisher am meisten Spaß gemacht zu schreiben?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich bin in der glücklichen Lage, nur zu schreiben, wenn ich Lust dazu habe und nur das zu schreiben, wozu ich Lust habe. Ich schreibe nicht auf Auftrag, ich schreibe einfach, weil ich etwas schreiben möchte und erst wenn ich fertig bin, bekommt mein Verlag das zu sehen. Das ist eine sehr privilegierte Situation.

Insofern ist jedes Buch, das ich bisher geschrieben habe, auch ein Buch, das ich mit Spaß geschrieben habe. Meine Bücher sind sehr unterschiedlich und ich glaube gerade das bereitet mir am meisten Spaß, dass ich immer wieder etwas völlig anderes schreiben kann, denn sonst wäre es mir nach über 30 Jahren sehr, sehr langweilig.

Ihre Kollegin, die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger sagte einmal, sie hätte unterschiedliche Schreibtische oder Plätze, wo sie an unterschiedlichen Büchern arbeiten würde. Ist das bei Ihnen auch so?

Nein, so viel Platz hätte ich gar nicht. Das könnte ich auch nicht. Ich habe zwar in der Regel mehrere Ideen und häufig fällt es mir schwer, mich zu entscheiden. Aber danach lebe ich doch zu sehr in der Welt der Geschichte. Häufig ist es so, dass ich weiter in der Geschichte bin, auch wenn ich gerade etwas anderes mache, wie kochen oder bügeln. Deshalb könnte ich gar nicht mehrere Texte gleichzeitig schreiben.

Jeder hat eine andere Technik …

Ja, und das ist auch toll. Ich glaube, wie Autoren eine Geschichte schreiben, ist sehr unterschiedlich. Ich habe einmal ein Gespräch mit Mirjam Pressler geführt, die eine großartige Autorin ist. Sie hat sich totgelacht als sie hörte, dass ich Geschichten vom Anfang bis zum Ende durchschreibe. Das fand sie etwas buchhalterisch. Sie dagegen hat eine tolle Idee oder eine Szene im Kopf, die sie aufschreibt und der Rest ergibt sich darum herum – zumindest hat sie das so erzählt.

Wenn Sie vor Kindern vorlesen, was wollen diese von ihnen wissen?

Auf Bücher bezogen wollen sie wissen, woher ich die Ideen habe. Und sie wollen wissen, was ich verdiene.

Beantworten Sie das?

Natürlich! Also ich sage ihnen nicht was ich im Jahr verdiene, aber ich erkläre ihnen sehr wohl, was ich an einem Buch verdiene und warum mein Anteil so gering ist. Weil eben noch viele Menschen mitarbeiten.

Und ich erkläre, wer das alles ist. Ich sage ihnen aber auch, dass ich schon sehr viele Bücher geschrieben hätte und dass trotz des kleinen Betrages für das einzelne Buch immer noch genug zusammen kommt, damit sie nicht in Panik geraten.

Wie viele Bücher schreiben Sie pro Jahr?

Das schwankt, denn das hängt auch davon ab, von welcher Art Bücher wir reden. Wenn wir von einem umfangreichen Buch wie Sommerby reden, dann schreibe ich so ungefähr eines pro Jahr, vielleicht auch eineinhalb. Und daneben vielleicht noch ein oder zwei kleine.

Wie sieht Ihr Alltag aus? Setzen Sie sich morgens an den Schreibtisch und arbeiten?

Ja, genau. Ich gehöre zu den Morgenmenschen, was nicht heißt, dass ich sehr gerne früh aufstehe. Aber ich kann morgens am besten arbeiten. Da verliere ich auch keine Zeit, sondern setze mich direkt an den Schreibtisch, sehe mir an was ich am Vortag geschrieben habe und kann dann in der Regel nahtlos weiterschreiben. Das mache ich so etwa drei Stunden lang. Dann ist es nicht so, dass mir nichts mehr einfiele, aber ich bin dann doch ziemlich ausgepowert, denn wenn man hochkonzentriert schreibt, ist es eine anstrengende Tätigkeit. Der Rest des Tages ist für Bürotätigkeiten reserviert.

Sie haben auch viele Reihen geschrieben. Was reizt Sie daran?

Kirsten Boie, Thabo Detektiv und GentlemanIch habe tatsächlich nur eine Reihe auch als solche geschrieben, das sind die Thabo-Krimis. Davon gibt es drei Bände und ich wusste schon beim ersten Band, dass ich die beiden nächsten auch schreiben würde. Sämtliche anderen Reihen sind nicht als Reihen entstanden. Der erste Band wurde von mir immer als Unikat gedacht, als eine abgeschlossene Geschichte. Es waren dann die Kinderbriefe und Anfragen, die mich dazu bewogen haben, weiterzuschreiben.

Man hat das Gefühl es gibt immer mehr Reihen. Finden Sie das gut?

Ich bin kein Gegner von Reihen. Wir Erwachsene lesen sie ja auch gerne, denken Sie nur an die ganzen Krimireihen. Und ich finde sie gut, um vielleicht Lesefans zu bekommen. Wenn Kinder ein Buch gelesen haben und es hat ihnen gefallen, dann steigen sie vielleicht auch direkt in die Fortsetzung ein.

Gibt es ein internationales Kinderbuch, das Sie empfehlen würden?

Ja, das ist das Buch „Wunder“ von Rachel J. Palacio. Das ist ein sehr kluges, großartiges Buch, in dem man immer wieder überrascht wird. Als ich angefangen habe zu lesen, dachte ich anfangs, das sei eine sehr geradlinige Geschichte – aber das ist es keineswegs. Und es ist gar nicht düster, obwohl es um einen Jungen mit einem entstellten Gesicht geht. Es ist ein Buch, in das man eintaucht und das man weiterlesen möchte – und es ist sehr optimistisch.

Humor in Kinderbüchern – man hat das Gefühl englische Autoren, wie zum Beispiel Roddy Doyle, können das viel besser. Ist es so, dass deutsche Autoren lieber pädagogisch als lustig sind?

Ich denke, da müssen wir vorsichtig sein, denn vielleicht gibt es auch auf dem englischen Markt ganz viele pädagogisch angehauchte Kinderbücher, die es einfach nie bis zu uns nach Deutschland schaffen. Und ich finde, dass es einige deutsche Autoren gibt, die sehr humorvoll schreiben.

Wer einem sofort einfällt, ist Andreas Steinhöfl mit seiner „Rico, Oskar“-Reihe, oder auch Rüdiger Bertram schreibt total witzige Geschichten. Ich glaube, wir haben da durchaus eine Menge Autoren. Aber da wir bei uns natürlich die ganze Palette an Kinderbüchern wahrnehmen, nehmen wir auch die anderen wahr.

Schreiben Sie schon an einem neuen Buch?

Ja, ich habe heute mit meinem Lektor telefoniert … Mehr kann ich dazu nicht sagen. Aber ich schreibe wieder etwas und finde das sehr schön. Viel schöner als diese „Zwischen-Buch-Zeit“, in der ich überlege, was ich schreiben soll und mich entscheiden muss. Und ich mag es, morgens aufzustehen und mich an den Schreibtisch zu setzen …

Frau Boie, wir danken für das Gespräch.

 

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Bild: Oetinger Verlag, @Indra Ohlemutz