Was als Trend begonnen hat, soll bleiben. Geschlechtsneutrale Kleidung oder unisex, falls die Bezeichnung passender erscheint. Die Zeiten, in denen Röcke nur für Frauen und Hosen nur für Männer waren, sind vorbei. Das Geschlecht bestimmt schon längst nicht mehr die Art und Weise, wie sich Leute kleiden.

Modedesigner kombinieren Männer- und Frauenkollektionen auf dem Laufsteg, viele Läden haben keine Jungen- und Mädchenabteilungen mehr. Sie haben jetzt eine Modeabteilung. Es gibt keine Gebundenheit zu bestimmten Farben und Stilrichtungen. Immer mehr Modemarken führen geschlechtsneutrale Kollektionen ein. Eine von ihnen ist das in Großbritannien ansässige Modelabel „Totem Kids“. Wir trafen die Gründerin Kate Bonhote zum Gespräch über Unisex Kindermode.

Von der Erwachsenenmode zur Kindermode

Kate Bonhote ist Modedesignerin, die zusammen mit ihrem Mann Ian, einem Filmregisseur, und ihren Kindern Phoenix und Quinn in Stoke Newington Hackney lebt.
„Wir haben uns entschieden hier zu leben, weil es hier genug andere Kreative mit Familien, gute Schulen und hübsche Parks gibt. Das städtische Dalton ist fußläufig erreichbar, sodass wir das Beste aus beiden Welten haben.“ sagt die Designerin über die Wahl ihres Wohnortes.

Kate machte ihren Abschluss in Design an der Hochschule Central St. Martins in London und hat viel Arbeitserfahrung mit verschiedenen bekannten Modehäusern. Weshalb sie enttäuscht von der Fashionindustrie war.
Ihr Handwerk liebt sie, die Industrie aber nicht. Kate entschied sich, mit einem Laden namens „Beyond the Valley“ in Soho, den sie mit zwei anderen Designern betrieb, eine Design-Community zu gründen. Die Idee war, eine Plattform zu schaffen, um Designer zu präsentieren und Zusammenarbeit und Kreativität zu fördern. Es erwies sich als großer Erfolg. Genauso wie die Modemarke für Frauen mit demselben Namen. Kate leitete den Laden begeistert für ein Jahrzehnt bis sie ihre Kinder bekam. Dann entschied sie sich, sich eine Auszeit vom Arbeitsalltag zu nehmen und das Familienleben und Reisen zu genießen. Die Familie lebte für ein Jahr in Mexiko, wo auch ihr Label Totem entstand.

Eine neue kreative Herausforderung, die zu ihrem Familienalltag passt. Und ihr erlaubt, weiterhin mit anderen Künstlern zusammen zu arbeiten. Weil sie wusste, welche Auswirkungen das Produzieren von Kollektionen auf die Umwelt hat und ihr als Mutter die Zukunft am Herzen liegt, war es ihr sehr wichtig, umweltfreundliche Möglichkeiten für ihr neues Projekt zu finden. Und die Entscheidung, geschlechtsneutral zu sein, kam ganz von selbst.

„Ich habe meine Kinder immer als Individuen angesehen. Meine Eltern haben es mir und meinen Geschwistern immer selbst überlassen, was wir anziehen wollten. Ich war ein sehr mädchenhaftes Mädchen, während meine jüngere Schwester lieber Jungenkleidung anzog, weil es darin einfacher war, auf Bäume zu klettern. Wir durften so sein, wie wir wollten.“

unisex kindermode Totem Kids
Bild: Totem Kids


Wir haben uns mit Kate über geschlechtsneutrale Kinderkleidung unterhalten!

Was bedeutet geschlechtsneutrale oder Unisex Kleidung wirklich?

Kate: Für mich als Designerin bedeutet das, Kleidung nicht gezielt für ein Mädchen oder einen Jungen zu entwerfen. Ich achte auch eher auf das Praktische als auf das Dekorative. Deshalb beinhaltet meine Kollektion auch keine Kleider oder Röcke, weil sie für Kinder beim Spielen einfach nicht praktisch sind. Die wirken auf mich eher dekorativ. Das heißt nicht, dass sie falsch sind, ich liebe es selbst, mich schick zu machen und bevor ich durch diesen Prozess gegangen bin, war ich selbst eine sehr feminine Modedesignerin, entwarf viel mit Spitzen und Dramatik. Aber ich habe das Gefühl, dass es so viele schicke Kleidung gibt und ich wollte eine andere Sparte ausfüllen. Eine, an der ich persönlich als Elternteil viel interessierter bin. Totem ist selbstverständlich sehr persönlich.

Sagen wir mal, ein Mädchen oder eine Frau zieht Männerkleidung an – ist das geschlechtsneutral?

Es ist viel einfacher für Mädchen, Jungenkleidung anzuziehen, oder als Frau Männerkleidung. Ich glaube andersherum gibt es viel mehr Tabus. Ich finde Männerkleidung viel praktischer, ich leihe mir oft was von meinem Mann aus. Umgekehrt gibt es das viel weniger, wahrscheinlich weil Frauenkleidung historisch viel beschränkter war oder entworfen wurde, um den Körper der Frau zu zeigen. In den 40er Jahren, während des Krieges, haben viele Frauen die Kleidung ihrer Männer getragen um in Fabriken zu arbeiten – das war die erste Bewegung in Richtung dieses Trends.
Unisex Kleidung ist heutzutage augenscheinlich nicht so, aber tendiert auch eher in Richtung Männerkleidung. Obwohl ich meine Jungs auch in Leggins toll fand und sie sehr praktische Kleidungsstücke waren. Kleider und Röcke eignen sich einfach nicht sehr gut, um einen Handstand zu machen. Farbgrenzen werden mehr und mehr abgebaut – für meine erste Kollektion wollte ich blau und pink für ein bisschen Ironie benutzen.

Lours Paris Unisex Kinderkleidung
Bild: LOURS Paris

Sollte Unisex Kleidung neben Mädchen- und Jungenkleidung existieren?

Ich habe sehr viel über geschlechtsneutrale Kleidung durch transgender, non-binary Freunde gelernt und es ist ein komplexes Problem. Ich finde den Unterschied wichtig, ob man sich anzieht um seinen Stil und sein Geschlecht auszudrücken. Es gibt alles und es soll alles geben. Ich denke Kinder, die mit Geschlechterfragen zu kämpfen haben, sollten durch Unisex Kleidung eine Option bekommen, die mit genderspezifischer Kleidung gleichgestellt und anerkannt ist. Außerdem sollten Tabus gebrochen und Stereotypen angesprochen werden.

Wenn es nur noch geschlechtsneutrale Kleidung gäbe, würden Kinder dann Teile vermissen, die ihrer Identität entsprechen?

Schwere Frage! Ich glaube, würden wir Geschlechtergrenzen aufbrechen, dann gäbe es Unisex Kleidung in allen Umrissen und Formen und sie würde nicht mehr einem Geschlecht zugeschrieben werden. Es ginge mehr um Stil als um Geschlecht. Oder dass Kleidung ihren Zweck erfüllt. Aber als eine kreative Person kann ich nichts Strenges unterstützen, ich neige eher dazu, mehr Optionen als weniger zu haben.

Tobias and the bear Unisex Kinderkleidung
Bild: Tobias and the bear

Eltern wollen nicht auf bestimmt Farben und Stile beschränkt sein, abhängig davon, ob sie für ein Mädchen oder einen Jungen einkaufen. Jeder kann tragen was er möchte. Ist das die Zukunft der Mode?

Ich wünsche es mir sehr, genauso wie mehr Freiheit von dem Druck von Modetrends. Die Zukunft von geschlechtsneutraler Mode ist hoffentlich ein Wachstum in Richtung mehr Offenheit und weiterer Ausdrucksfreiheit.
Ich habe versucht, beim Ankleiden meiner Söhne keine Geschlechterregeln zu befolgen bevor sie nicht ihre eigene Kleidung wählen konnten. Für meine Jungs habe ich besonders in Mädchenabteilungen eingekauft, einfach weil es da mehr Farbauswahl gab. Ich habe auch Jungengrafiken gehasst – Autos oder Trucks haben so gewirkt, als wollte ich ihre Interessen vorherbestimmen. Der Schulanfang hat ihre Entscheidungen definitiv beeinflusst und man kann sie weniger vor Druck von außen zu schützen. Davon einmal abgesehen haben die beiden einen großartigen und besonderen Stil und sind sehr maßgebend darin, wie ihre Kleidung sich anfühlen oder passen soll. Mein einziger Einwand sind Markenklamotten – ich finde nicht, dass sie wandelnde Werbetafeln sein sollten, aber ansonsten haben sie die komplette Entscheidungsfreiheit.

Unisex Kindermode Totem Kids
Bild: Totem Kids

Hast du das Gefühl, dass es einfacher ist, geschlechtsneutrale Kleidung in der Kinderwelt als in der Erwachsenenwelt einzuführen?

Ich glaube es ist ein und dasselbe. Erwachsene sind so mächtig in dem Leben ihrer Kinder, deshalb muss man Barrieren von oben nach unten runterbrechen. Ich halte es trotzdem für einen guten Start, Kinder sind gute Lehrmeister. Ich muss zugeben, dass das Designen von Kindermode zu meinen größten Freiheiten gehört- als Erwachsene wachsen wir sogar noch individueller in unsere Formen. Kinder tragen außerdem normalerweise keine enge Kleidung, deshalb haben sie etwas mehr Bewegungsfreiheit. Außerdem haben sie mehr Flexibilität an Stellen, die Wachstum erlauben.
Im Bezug auf Geschlechtsneutralität ist das eine Funktion für Designer, die definitiv einen natürlichen Faktor für weniger Unterschiede zwischen zwei Geschlechtern darstellt. Ich habe absichtlich alle Knöpfe auf die rechte Seite getan, weil die altmodischen Gründe keinen Sinn ergeben, besonders für Kinder. Es gibt wirklich keinen Grund für Unterschiede, es geht vor allem um Geschmack und Stil – solange ein Kind frei experimentieren kann, kann es auch seinen Stil und Spaß daran entwickeln, was es tragen kann.

Über Totem Kids:
Ein neues Label für Unisex Kinderkleidung, das zu jeder Kollektion mit Illustratoren zusammen arbeitet. Für die S/S 2018 Kollektion hat Ruby Taylor die Drucke gestaltet. Totem Kids ist eine Marke aus Großbritannien. 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Lunamag.com

 Slider-Bild: Organic Zoo