Interview: Isabelle Jänchen

 

Sonja Hagedorn, ©Kerstin Müller

Lässt sich ein nachhaltiger Lebensstil, auch Green Living genannt, mit einem Familienalltag vereinen? Sonja Hagedorn von Babyccino Berlin beweist genau das. Auf ihrem Blog schreibt die Zweifach-Mama über Essen, Kosmetik, Fashion und Interiorthemen. Ihr Instagramprofil zeigt Eindrücke aus ihrem grünen Familienalltag, die durch Hashtags wie #greenstuff #lessismore sowie #slowliving genau das untermauern sollen, was Sonja ein Anliegen ist.

Liebe Sonja, zusammen mit Deinem Mann und euren zwei Kindern lebt ihr in Potsdam. Warum Potsdam und wie habt ihr Euch dort eingerichtet?

Nach fast 10 Jahren Berlin, zum zweiten Mal schwanger und genervt von Verkehr und Altbautreppen, wollten wir weg aus unserer damaligen Wohnsituation. Ich konnte die Parks und Spielplätze alle nicht mehr sehen, die meisten Sonntage verbrachten wir sowieso irgendwo außerhalb im Grünen, hauptsache weg aus der Stadt. Ein bisschen runterkommen… Uns wurde immer bewusster, wie wichtig solche grünen Ruhepausen für uns sind.

Viele freie Flächen, kein Chichi. Die Familie verzichtet ganz bewusst auf viel Dekoration.

Natürlich hätte man auch in Berlin selbst umziehen können, in einen ruhigeren Bezirk als Kreuzberg – aber das war es nicht. Wir stellten uns eine übersichtliche, sonnige, naturnahe Kleinstadt im Grünen vor. Mit Freiburg haben wir lange geliebäugelt, bis uns dann nach Besuch von Freunden in Potsdam die Idee kam. Es war so einfach, Arbeitsstelle und soziale Kontakte konnten wir von Potsdam aus behalten, hier hatten wir alles was wir uns wünschten: eine Wohnung im Erdgeschoss, zentral, mit Seen und Parks um die Ecke, perfekter Ausgangspunkt für Radtouren ins Grüne. Wir hatten wohl einfach Glück!

Die Stadt hat uns als Familie sofort entschleunigt, wobei natürlich die Wohnsituation und die Kita eine tragende Rolle gespielt haben. Innerhalb unseres Hofes sind wir dann ein Jahr später noch einmal umgezogen, die Gelegenheit war günstig, auch wenn wir mit den knapp 85m2 (von Berliner 110m2) erstmal zufrieden waren, ist es natürlich jetzt als vierköpfige Familie doch etwas entspannter mit wieder über 100m2. Die Wohnung besitzt wunderschöne Kappendecken, und ist eine alte Meierei. Die Böden im hinteren Teil der Wohnung haben wir mit Kork ausgelegt, mit den Fliesen im Rest der Wohnung habe ich mich immer noch nicht so ganz angefreundet… Mal sehen, was die Zeit noch bringt!

Natur erleben und entdecken. Das beginnt bei Sonja und ihrer Familie direkt vor der Haustür.

Das wichtigste aber ist: wir machen die Türe auf und die Kinder können draußen spielen! Der Gemeinschaftsgarten wird hier ab Nachmittags von einer Horde Kinder regiert.

Auf Instagram bekommt man einen Eindruck von Eurem minimalistischen Lebensstil. Woher bezieht ihr Eure Möbel und welche Kriterien müssen die Marken erfüllen?

Ich bin in meinem Leben schon sehr oft umgezogen. Und bei jedem Umzug habe ich geflucht über den ganzen Kram, den man unausgepackt aus dem Keller holt, wieder uneingesehen in den nächsten Keller räumt, plus die Sachen die für jede Wohnung wieder neu angeschafft wurden.

Wir hatten es so satt, diese ganzen Altlasten zu verstauen, und uns gezwungen vor dem großen Umzug von Berlin nach Potsdam gnadenlos auszumisten. Da wir uns ja zudem auch verkleinert hatten, mussten auch einige Möbel gehen. Es tat so gut! Zu merken, dass man mit weniger Platz auskommt, weniger Kram braucht und wie einfach es sein kann, wenn alles seinen festen Platz hat.

Babyccino Berlin Sonja Hagedorn Homestory living Leben mit Kindern Baby Kleinkind sitzt im Spülbecken
„Endlich in Ruhe kochen – aber wo schütte ich jetzt das Kartoffelwasser ab?“ kommentiert Sonja vor wenigen Tagen auf ihrem Instagramaccount.

Naja, und dann kam der nächste Umzug. Inklusive einer großen Kammer, wo auch unser alter Kleiderschrank drinsteht, und dort kommt alles rein, was nicht täglich gebraucht wird oder auf den nächsten Flohmarkt wartet. Jedes Möbelstück erfüllt bei uns seine Funktion, es gibt wenig Deko, wenig Krimskrams. Wie gut das tut, merke ich je mehr ich mich von Dingen trenne. Platz und freie Flächen bringen Ordnung und Ruhe. Für das Gegenteil sorgen ja sowieso die Kinder…

Unsere Möbel sind eine Mischung aus Erbstücken, Flohmarktschätzen, Selbstgebautem, und wohlüberlegten Anschaffungen. Bei letzteren suchen wir immer eine nachhaltige Lösung. Das geht nicht alles von jetzt auf gleich, denn man muss sich ein wenig mit dem Thema auseinandersetzen, recherchieren und dann sind da noch die höheren Anschaffungskosten. Ganz oft werde ich auch bei ebay-Kleinanzeigen oder auf Flohmärkten fündig, selbst auf dem Sperrmüll haben wir schon schöne Dinge gefunden!

Alles in Allem sollten die Möbel ihre Funktion gut erfüllen, langlebig sein, am besten hochwertig und ökologisch verarbeitet. Und natürlich zeitlos (wie Designklassiker), denn wer nach Trends lebt, ist nach drei Jahren wieder beschäftigt neue Stühle oder Teller zu besorgen. Das hat dann nichts mehr mit Nachhaltigkeit und dem slowliving Gedanken zu tun.

Wie wichtig ist Dir Design?

Ich bin ein sehr visueller Mensch und auch von Berufs wegen natürlich interessiert an Design. Gutes, durchdachtes, funktionales Design – ich liebe es! Mein Mann hat mir nach der Geburt unseres ersten Sohnes einen Schaukelstuhl von Hans J. Wegner geschenkt – eine Anschaffung, die man nur einmal im Leben macht, und auf der ich vielleicht ja irgendwann mal meine Enkelkinder in den Schlaf schaukle.

Das Schlafzimmer. Ein Raum, wo sich auch die Kinder in Ruhe entfalten können.

Wie einfach ist es einen nachhaltigen Lebensstil im Alltag mit Kindern umzusetzen? Funktioniert das bei Euch ohne Ausnahmen in allen Bereichen?

Es ist eigentlich alles eine Frage der Einstellung. Seit der Geburt von Vincent vor 5 Jahren lerne ich immer noch jeden Tag dazu, wäge ab, überlege und rechne natürlich auch! Ein Einkauf bei Lidl ist unglaublich günstig – wenn man aber versucht mit dem gleichen Budget Bio und regional einzukaufen, wird es schon schwieriger und ist auch nur machbar, wenn wir auf bestimmte Dinge verzichten. Es gibt jeden Tag Entscheidungen zu treffen, wieviel davon am Ende nachhaltig sind, kann ich ich gar nicht sagen. Zum Beispiel werden Kleidungsstücke für die Kinder entweder gebraucht besorgt, oder in entsprechender Qualität zum Weitergeben an den kleinen Bruder. Und es gibt auch keine 10 Hosen, sondern nur 3.

Wenn Vincent sich aber unbedingt ein Glitzer-Pailetten-Tshirt wünscht, dass ich so eigentlich nicht kaufen würde, er aber tatsächlich noch ein bis zwei Shirts für den Sommer braucht, dann schaue ich erst bei mamikreisel oder kleinanzeigen. Am Ende haben wir eins bei C&A gefunden – aus Biobaumwolle (immerhin …), und noch eins, dass uns von einer Freundin geliehen wurde. Ich versuche den Kindern vorzuleben und beizubringen, dass jede Art von Anschaffung einen Wert hat. Sei es das Ei, die Socken oder der neue Kuschelpanther. Wir versuchen pfleglich mit den Dingen umzugehen, wenig Lebensmittel wegzuschmeißen, und nicht immer ein totales Über-Angebot zu bieten. Klar gibt es im Winter auch Erdbeeren und Gurken im Supermarkt – dafür freuen wir uns dann aber umso mehr, wenn es beides wieder auf dem „echten“ Markt zu kaufen gibt. Ganz nebenbei lernen die Kinder so auch, welches Obst und welches Gemüse zur jeweiligen Jahreszeit gehört. Ein nachhaltiger Lebensstil ist herausfordernd und kostet auch ein wenig Mühe – aber er macht auch Spaß! Denn es spart unter anderem Zeit und Stress, Beispiel Capsule Wardrobe – der Besitz von wenig Kleidungsstücken und Basics, die dafür aber perfekt miteinander kombinierbar sind. Welche der Klamotten aus unserem Schrank tragen wir wirklich gerne? Das sind genau die Stücke, auf die wir unseren Kleiderschrank reduzieren können. Alles andere kann gnadenlos aussortiert und gespendet werden!

Die Holzfiguren der Marke Ostheimer werden in reiner Handarbeit in Deutschland hergestellt.

Wie reagierst Du, wenn Deine Kinder doch mal an einem Plastikspielzug hängenbleiben?

Dann kommt es auf die Wunschliste. Natürlich gibt es bei uns auch Duplosteine und Playmobil, die Klassiker aus unserer Kindheit. Für jeglichen Kram im Kinderzimmer gibt es einen bestimmten Platz, und sobald der voll ist, ist er voll. Dann kommt auch so lange nichts mehr dazu, bis wir etwas aussortiert haben. Geht es Weihnachten und an Geburtstagen darum, den Kindern etwas zu schenken, einigen wir uns mit der Familie meist auf ein größeres Gemeinschaftsgechenk – statt der ganzen Kleinigkeiten, kann man sich so etwas wirklich schönes besorgen, ganz im Sinne von weniger aber wertvoll.

Worauf achtest Du bei der Gestaltung der Kinderzimmer?

Ich versuche so viel Platz wie möglich für freies Spiel zu lassen. Jedes Spielzeug hat seinen festen Platz und wird am Ende des Tages auch dort wieder eingeräumt. Die Möbel sind aus Massivholz, die Bettwäsche ist gebraucht und somit auch frei von Schadstoffen. Trotzdem ist das Kinderzimmer natürlich der bunteste Ort in unserer Wohnung, da lebe ich mich ein wenig aus und bin nicht so streng wie beim Rest. Es ist ein Kinderzimmer! Und es ist laut und bunt und wild, mit Platz zum Spielen und Toben, robusten und spielbaren Möbeln. Hier hat alles eine Funktion und es gibt keine zerstörbare Deko (ok, bis auf die Bilder an der Wand …).

Die Kinder bekommen ihren Raum zum freien Spielen.

Welche Bedeutung hat slowliving für Dich und für Euch als Familie?

In erster Linie bedeutet es für uns Rituale zu leben, im Moment zu leben aber trotzdem auch an Morgen zu denken. Das zu genießen was wir haben, uns an den kleinen Dingen zu erfreuen, Zeit für einen Schwatz zu haben mit Leuten die uns wichtig sind. Sich generell auf das zu reduzieren, was einen glücklich macht (und nichts mit Konsum zu tun hat – sondern Zeit). Weniger arbeiten, und mehr Zeit für die Familie haben.
Dafür aber auch in Kauf nehmen mit weniger Geld auszukommen, was perfekt zum weniger Konsumieren passt. Durch die Waldorfkita bekommen wir ebenfalls eine Entschleunigung zu spüren, die wir aus Berliner Zeiten noch nicht kannten. Es herrscht einfach ein anderes Tempo. Auch unsere unmittelbare Nachbarschaft lebt hier ohne gehetzte Blicke auf das Handy. Wir versuchen so oft es geht im regionalen Hofladen um die Ecke oder auf dem Markt vor der Haustür einzukaufen, und ersparen uns damit das Supermarktgehetze mit den Kindern.

Liebe Sonja, herzlichen Dank für diesen inspirierenden Austausch!

Apropos Nachhaltigkeit: Das funktioniert auch beim Reisen! Die Spezialistinnen Franziska Diallo und Judith Hehl von goodtravel.de geben Tipps zum nachhaltigen Reisen mit Kindern!

Alle Fotos: Sonja Hagedorn