Was haben Mick Jagger, das britische Königshaus und ein Ölscheich aus Saudi-Arabien gemeinsam?  Ein Kindermädchen vom Norland College, der renommiertesten Nanny-Schule der Welt. Ihre Ausbildung macht sie weltweit zu begehrten ProfisWas man hier lernen kann, was selbst die eigene Mama noch nicht über ihre Lieblinge wusste, hat Luna nachrecherchiert.

Kinderbetreuung kann schnell zu einer verzwickten Angelegenheit werden. Denn rund um die Uhr können Mama und Papa sich nicht um die Kleinen kümmern. Einige Familien greifen darum zum Kindermdächen und dabei ist eigentlich klar: Wer einen Bentley im Fuhrpark hat und in der Royal Enclosure beim Pferderennen in Ascot sitzt, kann seine Kinder nicht von irgendjemandem großziehen lassen. Das muss schon eine Super-Nanny vom Norland College übernehmen.
Als Grundvoraussetzung für eine Bewerbung nennt das College auf seiner Internetseite erstklassige Schulnoten (die man sonst nur für einen Studienplatz in Medizin benötigt), Humor und Verständnis für Kinder. Nicht vergessen werden sollte allerdings auch der Punkt, dass Bewerber idealerweise aus einem finanziell soliden Elternhaus stammen. Denn die dreijährige Ausbildung kostet jährlich knapp 14.747 Pfund. Das macht bis zum Abschluss umgerechnet etwas mehr als 50.000 Euro. Und da sind Kost und Logis in einer Wohngemeinschaft oder einem Zimmer im südenglischen Bath noch nicht einkalkuliert.

Revolution in der Kinderbetreuung

Gegründet wurde das legendäre College im Jahr 1892 von Emily Ward. Ihr Ziel: junge Damen ganz professionell in der Kinderbetreuung auszubilden, lange bevor es im restlichen Königreich üblich wurde. Ward, selbst Gouvernante und Grundschullehrerin mit Interesse an Friedrich Fröbel, Montessori und Rudolf Steiner, fand es geradezu skandalös, Kinder einfach ungeschultem Dienstpersonal zu überlassen, wie es damals nach viktorianischer Haushaltspolitik üblich war. Für sie gehörten zur Kinderbetreuung und Erziehung Wissen, Wärme, Loyalität, aber auch Disziplin. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war das geradezu revolutionäres Gedankengut und Emily Ward hatte gegen einige Widerstände zu kämpfen, ehe ihre Methoden der Kindererziehung auch von den Familien verstanden und angenommen wurden.

„Love never faileth“

Dafür lernen die jungen Nannys im Norland College heute noch – nach mehr als 110 Jahren –, Kinder nach genau diesen Erziehungsmethoden und Ideen zu betreuen. Losgelöst von den verschiedenen Moden, welche die Erziehungswissenschaften im Laufe der Zeit durchmachten, achtet eine Norland-Nanny damals wie heute zuerst auf geregelte Essens- und Schlafenszeiten, ausreichend sportliche Betätigung, musikalische Früherziehung, Kreativität und natürlich gute Manieren. Ist ein Kind ungehorsam, wird es ganz klassisch auf sein Zimmer geschickt, um über sein Handeln nachzudenken. „Liebevolle Konsequenz“ wird das auf dem College genannt, was auch zu dem Leitspruch der Schule passt: „Love never faileth“ – Liebe versagt nie.
Diesen Spruch kann man sich nach erfolgreicher Ausbildung dann auch gerne als Plakette an die Uniform heften. Und ja, richtig gelesen: Eine echte Norland-Nanny trägt am College und auch später im Dienst stets eine Uniform. Diese besteht aus einem wadenlangen beigen Schwesternkleid mit weißem Kragen, schwarzen Strümpfen, flachen Schuhen, braunem Hut und braunen Handschuhen. Letztere waren noch bis vor Kurzem ausschließlich über das englische Nobelkaufhaus Harrods zu beziehen. Ein weiteres Zeichen der Exklusivität, das die Norland-Nannys umgibt und gleichzeitig sicherstellt, dass sie keinesfalls mit gewöhnlichen Angestellten wie Putzkräften verwechselt werden. Angeblich riet Emily Ward selbst ihren Schülern damals, stets eine silberne Bürste auf die Kommode ihrer Gastfamilie zu legen, damit man nicht mit dem normalen Hauspersonal verwechselt werden konnte, denn dieses hätte niemals so einen Besitz sein Eigen nennen können. Bethan Jones ist aktuell Studentin an dem College und erzählt, wie sehr sie die Ausbildung bereits nach einem knappen halben Jahr verändert hat: „Wer Norland-Nanny werden will, muss lernen, immer den Überblick über alles zu behalten und dabei gleichzeitig freundlich, kreativ und fürsorglich zu bleiben.“

Eine Nanny, die wirklich „super“ ist

Nur 25 Neuzugänge wählt das College jedes Jahr aus Tausenden von Bewerbern aus und diesen werden dann zwei unterschiedliche Ausbildungsgänge geboten: das praktisch orientierte „Diploma in Childcare and Education“, das zwei Jahre Studium und ein einjähriges Berufspraktikum in einer Familie beinhaltet, und das ebenfalls auf drei Jahre angelegte „Diploma of Higher Education in Early Childhood Studies“, für das Abitur und Rechercheprojekte in Unterrichtsfächern wie „Kinderschutz“, „Gesundheitswesen“, „Kindesentwicklung“ und „Umgang mit Eltern“ erforderlich ist. Studentin Bethan Jones erklärt ihren Stundenplan ganz praktisch: „Die Ausbildung verbindet wie kein anderes College die akademische und praktische Seite des Nanny-Daseins. Das bedeutet, wir haben jede Woche ganz klassische Vorlesungen in kleinen Gruppen. Hier bereiten wir uns auf unseren schriftlichen Abschluss vor. Und dann gibt es den praktischen Unterricht. Hier lernen wir ganz intensiv, wie man näht, bastelt, kocht, die Windeln wechselt, Babys badet, aber auch, wie man Kinder zum Spielen animiert, und psychologische Themen, zum Beispiel wie man als Nanny eine Familie bei Veränderungen und neuen Lebensabschnitten unterstützen kann.“
Zusammengefasst macht das aus Bethan Jones und den anderen Norland-Nannys eine perfekte Köchin, die gerne zum Nähzeug greift, beim Vorlesen problemlos ihre Stimmlage zwischen böser Hexe und Zwerg wechselt, weiß, dass Winnie-The-Pooh ein anspruchsvolles Kinderbuch ist, bevor es zum massenkompatiblen Disney-Klassiker mutierte, und die aus unsichtbaren Stichen Zauberkissen basteln kann, auf denen Kinder im Handumdrehen einschlafen. Außerdem weiß eine Norland-Nanny natürlich immer, welche Babycreme gerade die beste auf dem Markt ist, und kann mindestens fünf Vorschläge machen, was man bei einem Brechanfall und was bei einer Meningitis zu tun hat. Sie hat auch immer ein Auge fürs Detail und bucht stets Fensterplätze in Flugzeugen, damit auf ihrem Schützling nicht aus Versehen heißer Kaffee verschüttet werden kann. Im Unterricht lernen die Studenten am Norland College bis heute an einem nostalgischen Gefährt mit hohen Rädern der Marke „Silver Cross“, in dem schon royale Nachkommen wie Prinz Charles durch den Park geschaukelt wurden, wie man Babys richtig in einen Kinderwagen legt. Das sei wichtig, denn nur unabhängig von dem Luxus eines modernen Buggys lerne man auch auf die kleinsten Details zu achten, die letztendlich die Perfektion in der Kinderbetreuung ausmachten. So kontrolliert man zuerst, ob die Decke auch frisch bezogen und aufgeschüttelt ist, dann legt man das Baby sanft hinein und schnallt es geduldig an, ohne dabei den Augenkontakt zum Kind zu verlieren, denn das könnte ihm ein ungutes Gefühl vermitteln.

Tradition trifft auf Moderne

Doch allen Traditionen zum Trotz muss auch das Norland College in bestimmten Punkten mit der Zeit gehen. Und so stehen auf dem Stundenplan seit einigen Jahren auch Dinge wie Fahrsicherheitstraining mit dem Auto, Selbstverteidigung im Entführungsfall und Vorträge zum Thema „Cyberkriminalität und wie man sie verhindert“. 2012 gab es dann endlich auch den ersten männlichen Absolventen am Norland College, der ganz im Stil britischen Humors „Manny“ getauft wurde.
Bleibt nur die Frage, wie sehr sich die 19- bis 22-jährigen Studenten von ihren Altersgenossen unterscheiden? Handelt es sich bei den Norland-Nannys durchweg um brave Studenten in Uniformen?
„Ich merke schon, dass ich komplett andere Erfahrungen mache als Freunde von mir an anderen Universitäten“, reflektiert Bethan Jones. „Aber ich habe schon immer gerne mit Kindern gearbeitet. Als Nanny kann ich genau das tun und gleichzeitig junge Familien unterstützen, sodass ich auch für mich selbst dabei viel erreichen kann.“ Antworten wie diese klingen durchaus nach Marketing, was sicher daran liegt, dass Medientraining hier ein ernst zu nehmendes Fach für die angehenden Super-Nannys ist.
Viele von ihnen werden nach der strengen Ausbildung für den Rest ihres Berufslebens nicht nur hinter dem Kinderwagen stehen, sondern auch immer irgendwie im Rampenlicht. Und das ist nicht übertrieben.
Das Norland College berichtet von bis zu sechs Jobangeboten, die auf einen Absolventen kommen – mit einem Einstiegsgehalt von rund 26.000 Pfund, also fast 30.000 Euro, Extraleistungen wie die Nutzung einer eigenen Wohnung und eine Jahreskarte fürs Fitnessstudio kommen on top. Arbeitet die Nanny in Übersee oder im Fernen Osten, steigen die Gehälter schnell auf umgerechnet 110.000 Euro.

Lebenslang verpflichtet

Das können sich oft nur erfolgreiche Banker, Anwälte, Ärzte und Rockstars oder eben
Königshäuser leisten. Vonseiten der Schule, aber auch der Nannys selbst gibt es darüber jedoch kaum Auskunft. Man ist eben Teil
eines sehr exklusiven Kreises, aus dem man wieder gestrichen werden kann, wenn man sich als Kindermädchen danebenbenimmt. Denn auch lange nach dem Abschluss hält das College Kontakt zu seinen ehemaligen Schülern und führt ein Register, sodass die Familien sicher sein können, auch wirklich eine „Super Nanny“ zu engagieren.
„Einmal Norland-Nanny, immer Norland Nanny“ lautet das Credo. Dieses Gemeinschaftsgefühl wird auch durch regelmäßige Absolvententreffen gefördert. Von überallher aus der Welt kommen sie dann heimlich zusammen und tauschen sich über das richtige Bäuerchen und die perfekte Gute-Nacht-Geschichte aus. Auch Maria Teresa Borrallo soll dann dabei sein, ihrerseits eine Absolventin des Norland College und derzeit Kindermädchen von niemand Geringerem als den royalen Hoheiten Prinzessin Charlotte und Prinz George.

 

Fotos: Chris Jackson/Getty Images, Arthur Edwards – WPA Pool/Getty Images