Vor sieben Jahren beschloss die Autorin Andrea Hejskov mit ihrer Familie in den Wald zu ziehen, fernab der Zivilisation. Wie sie diesen Minimalismusgedanken in die Tat umgesetzt hat und was sich seitdem getan hat, wollten wir von ihr im Interview wissen.

Hast du lange vorgeplant, bis die ganze Familie in den Wald gezogen ist?

Es hat nicht so lange gedauert, vielleicht ein paar Monate. Der schlimmste Teil war nicht, es tatsächlich zu machen oder die Details zu planen – endlich die Entscheidung dafür zu treffen, das war wirklich schwer.

Minimalismus mit Kindern; @Andrea Hejlskov
So gute Laune herrschte nicht immer, nachdem Andreas Familie in den Wald gezogen ist.

Wie hast du es geschafft, die Kinder aus der Schule zu nehmen? 

In Dänemark kann man die Kinder auch zu Hause unterrichten. Wir haben erst nach etwa einem Jahr realisiert, dass in Schweden, wo wir jetzt leben, die allgemeine Schulpflicht gilt. Ich finde, dass das ein immenser staatlicher Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und in die persönliche Freiheit ist, aber ich akzeptiere es. Unsere Kinder sind nicht in der Natur groß geworden und mussten genau wie wir Erwachsenen eine Veränderung durchmachen. Nach einem Jahr wollten sie von sich aus wieder zur Schule gehen. Ich hatte viele Zweifel, ich hatte Angst, sie würden gemobbt werden – aber tatsächlich ging alles ganz gut. In Schweden sind Leute, die weit draußen wohnen, nichts Ungewöhnliches und es stellte sich bald heraus, dass wir nicht die Einzigen sind, die einfach im Wald leben.

Ohne ein warmes Bad oder den Kühlschrank zu leben, wie fühlt sich das an?

Es ist nicht so schwer, ohne Kühlschrank zu leben. Klar wäre es im Sommer ganz schön, Eiscreme zu haben, aber es ist nicht so, als würden wir ohne sterben. Früher nutzte man in skandinavischen Ländern Vorratskammern oder Wurzelkeller. Diese althergebrachten Methoden funktionieren immer noch sehr gut. Der Grund, warum ich gern ohne diesen Luxus lebe, ist, dass ich glaube, der Preis, den wir modernen Menschen dafür zahlen, ist einfach zu hoch. Ich möchte nicht dafür arbeiten müssen, meinen Käse in einem Kühlschrank kühlen zu können, wenn er genauso gut in einer Speisekammer kühl gelagert werden kann. Das ist es mir einfach nicht wert. Ich bin außerdem sehr besorgt über die Zukunft unserer Kinder, besonders was das Klima betrifft. Ich denke, wir sind es unseren Kindern schuldig, unseren Lebensstandard zu reduzieren, wir alle, und den Reichtum mit der Zukunft zu teilen.

Minimalismus mit Kindern; @Andrea Hejlskov
Das erste Jahr war hart, inzwischen ist die Familie im neuen Leben angekommen und möchte es nicht mehr missen.

Welche Veränderungen hat deine Familie durchgemacht in der Zeit? 

Das erste Jahr war wirklich hart. Ich weiß dass keiner von uns – auch die Kinder nicht – das wiederholen möchten. Das erste Jahr war wirklich extrem hart. Aber ohne diesen ersten harten Winter wären wir auch nicht mehr die Familie, die wir sind, denn der Winter hat uns  total verändert. Weil draußen alles so hart war haben wir gemerkt, wie sehr wir voneinander abhängen. Und gerade weil wir uns aufeinander verlassen mussten haben wir viel über schwierige Themen und Gefühle gesprochen. In diesem ersten Winter wurden viele Dinge gesagt. Wichtige Dinge. Dinge, die zu hören weh getan haben. Aber um uns als einzelne und als Familie ändern zu können, mussten wir auch die Art und Weise unseres gemeinsamen Umgangs ändern, die Routinen und die Gewohnheiten und die Mechanismen in die man verfällt. Wir mussten lernen wie wir besser kooperieren. Wir mussten lernen mit Ärger umzugehen und mit verletzten Gefühlen.

Ich bin sehr glücklich und stolz darüber, wie wir das geschafft haben. Ich weiß, dass wir alle selbstbewusster geworden sind als wir zuvor waren. Und wir sollten vielleicht auch nicht vergessen, dass wir stolz auf uns sein dürfen. Es fühlt sich gut an, stolz auf etwas sein zu können.

Lebt ihr immer noch im Wald?

Ja, aber nicht mehr unter so primitiven Umständen wie im ersten Jahr. Wir haben jetzt wieder Computer und Internetzugang, nachdem wir das erste Jahr komplett ohne gelebt haben, außerdem haben wir Solarzellen zur Stromgewinnung. Wir waren wirklich sehr arm im ersten Jahr. Uns ist zudem klar geworden, dass Isolation nicht gut ist für uns Menschen. Am Anfang wollten wir alles alleine schaffen, jetzt sind wir in die Nähe von Freunden gezogen.

Minimalismus mit Kindern; @Andrea Hejlskov
Anfangs hat Andrea über ihr neues Leben noch gebloggt, doch inzwischen hat sie den Blog stillgelegt.

Was vermisst du im neuen Leben?

Ich vermisse nichts. Ehrlich. Ohne Geld zu leben war die schwerste Lektion, die wir lernen mussten. Wir sind immer noch arm, aber da wir diesen Zustand selbst gewählt haben, fühlt es sich anders an. Ich glaube, dieses Leben ist das beste, das ich leben kann.

Was hast du über dich selbst und über die Kinder gelernt?

Ich liebe es, der Natur nahe zu sein. Es ist gut für meine Psyche. Ich fühle mich so der Welt verbunden. Und weil wir so leben, wie wir leben, habe ich eine Do-it-yourself-Mentalität angenommen. Wir lösen unsere Probleme. Wir sitzen nicht herum und starren darauf. Wir agieren und gebrauchen unsere Hände dazu. Ich glaube, dieser praktische Ansatz im Leben hat eine sehr heilsame Wirkung auf mich und auch auf meine Kinder. Sie werden gebraucht. Wir brauchen ihre Hilfe wirklich beim Bauen der Gebäude, beim Pflanzen von Gemüse, beim Arbeiten. Ich glaube, viele Kinder fühlen sich nicht „gebraucht“, und ich denke, dieses Gefühl ist weder gut für Kinder noch für Erwachsene.

Minimalismus mit Kindern; @Andrea Hejlskov
„Ich liebe es, der Natur nah zu sein“, sagt Andrea. Ein Grund, der sie zum Leben in den Wäldern bewogen hat.

Fühlt sich dein Leben jetzt intensiver an?

Ganz bestimmt, im Guten wie im Schlechten. Wenn du in der Natur lebst, musst du dich damit arrangieren, dass sich Dinge ständig verändern. Das ist völlig konträr zu dem, was wir in unserer Kultur lernen, also dass etwas verlässlich ist und so bleibt, wie es ist.

Arbeitest du an einem neuen Buch?

Ja, ich arbeite tatsächlich an einem neuen Buch. Ich weiß, viele meiner Leser erwarten eine Fortsetzung von mir, aber das wird es wohl nicht werden. Das Buch, an dem ich schreibe, wird, wie es jetzt aussieht, von Spiritualität, Natur und von unseren Vorfahren handeln.

 In ihrem Buch „Wir hier draußen“ erzählt die 1975 in Dänemark geborene Andrea Hejlskov ehrlich und mitreißend von ihrem radikalen Entschluss, mit der ganzen Familie in die Wildnis zu ziehen. Von der romantischen Vorstellung, ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen, weitab von den fehlgeleiteten Idealen der Konsumgesellschaft, muss sich Andrea Stück für Stück verabschieden. Doch trotzdem bleiben sie und ihre Familie ihrem Lebenstraum treu, entgegen aller Widrigkeiten. Ein spannendes Buch, das zum Nachdenken anregt. Erschienen im Mairisch Verlag für 22 Euro.

Bilder: Andrea Hejlskov, Mairisch Verlag

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