Oh du Fröhliche...

In diesem Jahr ist es also so weit. Ich habe meinen ersten eigenen, extra für mich abgeholzten Christbaum gekauft. Für unschlagbare 17,99 liegt nun eine mittelgroße Nordmanntanne quer über den Rücksitzen des Autos meiner Mutter. Da liegt er jetzt. Seit drei Tagen. Ich bin nämlich zu faul ihn hochzutragen und da hinten liegt er ja ganz gut.
Ausserdem darf ich ihn sowieso noch nicht aufstellen, geschweige denn schmücken, denn ohne Kind geht das mal gar nicht. Sagt zumindest die kleine Chefin.
Zu meiner Zeit war das noch anders. Da wurden die Kinder ausgesperrt und der Baum in aller Heimlichkeit geschmückt. Ich hab schon als Kind nie verstanden, warum die Eltern das immer ohne uns machen wollten. Wir hätten das viel besser gekonnt und vor allem mehr Spaß gehabt.
Bei mir zu Hause war folgender Ablauf irgendwann schon Ritual: Meine Oma kam, sah und nahm mich mit in die Kirche (es war ihr völlig egal, dass wir evangelisch waren, die nächste war einfach katholisch, also rein da), während meine Eltern den Baum zu Hause schmücken wollten. Inklusive Krippenaufbau natürlich. Meine beiden Erziehungsberechtigten haben sich statt harmonisch den Baum aufzubauen und im Rentierpullover anzuhimmeln aber jedes Jahr hinter verschlossener Glastür gezofft was das Zeug hält: Krippe hier! Nein! Baum da! Nein! Aber ...! Nein! Und was sind das überhaupt für Kugeln! Und der ist ja schief! Mach ihn grad! Ich kann das besser! Und so weiter … und so fort …
Das Ende vom Lied: Verunsichertes Kind, gestresste Eltern, schiefer Baum und eine Krippe, die unserer Katze als Schlafplatz diente.
Bei meinem Kindergartenfreund konnten wir immerhin noch durchs Schlüsselloch gucken und so das heute verpöhnte Lametta glitzern sehen und wie es so war: Sehnsüchtig warteten wir auf das Glockengeräusch "vom Christkind", wenn es uns per Gebimmel die Erstürmung des Wohnzimmers erlaubte. Und da stand dann immer ein Christbaum in all seiner Pracht, glitzernd von oben bis unten und gefühlt so breit wie das ganze Wohnzimmer und klarer Fall, bis zur Decke ging er natürlich auch.
Natürlich wird in diesem Jahr alles anders, denn wenn man selbst erwachsen ist, macht man natürlich alles besser als die Eltern. Zumindest möchte ich mir das einbilden! Und der Baum … ja, der ist weder so breit wie mein Wohnzimmer, noch geht er mir über die Schulter. Ein kleines Häufchen Tannennadeln wird also in einigen Tagen mein Wohnzimmer bevölkern und in einigen Tagen mehr werden überall diese kleinen, stacheligen Nadeln liegen.
Da freut man sich doch auf den Tag, an dem der Baum vom Balkon fliegt. Na, hoffentlich steht dann keiner drunter.
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