Wenn Eltern sich trennen, leiden alle. Erst mal. Doch auch Trennungskinder können glücklich werden, denn es gibt Fehler, die sich vermeiden lassen, sagt der Psychologe Dr. Claus Koch.

Text: Laura Ewert

Im Kindergarten gibt es vier Kinder, deren Eltern keine Paare mehr sind. Ein fünftes hat seinen Vater so gut wie nie gesehen. Es gibt Freundinnen, die sich gerne trennen würden, aber noch warten wollen, bis das Kind groß genug ist. Wann das sein werde, fragt man behutsam nach – und bekommt keine wirkliche Antwort. „Es gibt kein richtiges Alter für eine Trennung“, sagt der Psychologe Dr. Claus Koch. Ist das eine gute oder schlechte Nachricht? Erst mal eine schlechte: Kinder, deren Eltern sich bald nach der Geburt trennen, fangen in der Pubertät an, Fragen zu stellen. Und kündigen Eltern ihre Ehe auf, nachdem die Kinder flügge geworden und zu Hause ausgezogen sind, fühlt der Nachwuchs sich wie jahrelang hinters Licht geführt.

Laut Statistik werden in Deutschland pro Jahr zwischen 160.000 und 200.000 Kinder zu Trennungskindern. Die meisten Eltern trennen sich, wenn die Kinder drei bis vier Jahre alt sind. Für sie gibt es unzählige Kinderbücher, die sie auf die schwierige Situation vorbereiten sollen. Und die Eltern gleich mit. Das Buch über das Krokodil zum Beispiel, das einen Bären liebt, es aber in der steinigen Höhle des Bären nicht so mag wie im Wasser. Oder das Buch über das Kind, das die Vorteile der Woche bei seinem Vater und der Woche bei seiner Mutter auflistet. Bei Vater gibt es Fleisch, Mutter hat immer saubere T-Shirts. So weit, so klischeebehaftet. Das Buch, für das Alexandra Maxeiner 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, heißt „Alles Familie“ und handelt davon, welch verschiedene Familienmodelle es gibt: Patchwork, Regenbogen, alleinerziehend.

All diese Bücher machen auch traurig, weil sie ins Bewusstsein rufen, dass man es nicht geschafft hat, die Vorzeigefamilie zu sein, die man mal sein wollte. Dass die Kinder sich eigentlich etwas anderes wünschen. Und dass man vielleicht in Zukunft zwei Menschen vermissen wird, seinen Partner und sein Kind. Oder dass man zwei Leben zerstört hat.

Wie sollen Eltern sich nach der Trennung verhalten?

„Das schlechte Gewissen muss man erst mal aushalten“, sagt Koch, der einen Ratgeber für Eltern geschrieben hat. Der Titel des Buches lautet: „Kindern bei Trennung und Scheidung helfen. Psychologischer und juristischer Rat für Eltern“. Ein schlechtes Gewissen zeige auch, dass man Verantwortungsgefühl besitze, fügt der Psychologe hinzu. Allerdings könnten sich die negativen Gefühle irgendwann auf die Kinder übertragen.

Trotz Gewissensbissen sind es nicht wenige Eltern, die sich für das eigene Glück anstatt für das Aushalten entscheiden, wie es ihre Eltern vielleicht noch getan hätten. Und natürlich überleben das die Kinder. Das sollte man sich immer sagen, wenn wieder das schlechte Gewissen nagt oder irgendjemand den Vorwurf macht, man sei egoistisch.

„Trennungen oder Scheidungen sind die einzigen Situationen, in denen Eltern bewusst das Leid des Kindes in Kauf nehmen“, sagt Koch. „Über die Trennungsfolgen gibt es relativ wenige Untersuchungen.“ Das habe sicher auch damit zu tun, dass Erwachsene dieses Thema nicht so gerne behandeln. Der Grund: eben das schlechte Gewissen. Langzeituntersuchungen kämen zu dem Ergebnis, dass 20 bis 25 Prozent der Trennungskinder langfristig emotionale Probleme hätten. Bindungsängste und mangelndes Selbstvertrauen seien typisch. „Aber die meisten Kinder kommen gut weg“, sagt der Psychologe. Und das ist die gute Nachricht. Aber man möchte nichts noch falscher machen, als man es eh schon macht. Dafür nennt Koch in seinem Buch Schutzfaktoren, die eingehalten werden sollten. „Beide Eltern müssen die Kinder bedingungslos lieben, auch wenn sie wieder einnässen oder in der Schule auffällig werden“, sagt der Experte. Weiterhin sei es sehr wichtig, den Kindern Verlässlichkeit, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln.

Wie erklärt man die Trennung den Kindern?

Das Wichtigste jedoch sei es, vor dem Kind nicht abwertend über den Ex-Partner zu sprechen. „Man darf natürlich vor dem Kind weinen oder erklären, warum man den anderen gerade nicht sehen möchte. Aber nicht ohne zu betonen, dass der Ex-Partner das Kind trotzdem gern hat.“ Der Psychologe rät zu einem Ritual, bei dem sich die Eltern vor den Kindern per Handschlag versichern, nicht schlecht übereinander zu reden. Doch dafür muss man natürlich überhaupt miteinander sprechen …

Und was nennt man den Kindern als Trennungsgrund? Eltern sollten mit ihren Kindern offen sprechen, rät Koch, das helfe, eine authentische Beziehung zu erhalten. „Außerdem neigen Kinder bis zu einem Alter von zehn, zwölf Jahren dazu, sich selbst die Schuld für eine Trennung zu geben.“ Sie versprechen immer artig zu sein, wenn Mama und Papa sich nur wieder lieb haben. Deswegen ist es wichtig, den Grund für das Beziehungsende zu nennen. „Ein altersgemäßes Gespräch ist wichtig“, unterstreicht Koch. „Bis zu einem Alter von etwa neun Jahren sollte man den Kindern sagen, dass man sich nicht mehr versteht. Und wenn ein neuer Partner der Grund für die Trennung ist, muss man auch das sagen. Auch wenn es hart ist.“ Hauptsache, keine Geheimnisse. Oder keine zu großen.

„Aber trotzdem sollte man sich nicht den Mund fusselig reden. Ob das Wort ‚Liebe‘ vorkommt, muss man individuell nach dem Kind entscheiden.“ Wichtig sei aber auch, zu akzeptieren, wenn Kinder nicht darüber reden wollten.

 

Warum es so wichtig ist, nach einer Trennung die Konzentration auf die Zukunft zu richten, lest ihr in der Luna 67.

Hier gibt es einen Überblick über die weiteren Themen des Heftes.