Mit kleinem Kind durch Indien – warum nicht? Unser Autor Sebastian Schulke hat sich mit Rucksack und seinem Sohn Shahin auf den Subkontinent getraut

Der Motor röhrt laut und schwer. Dazu ertönt unnachgiebig die Hupe. So rasen wir mal rechts, mal links an Lastwagen, Rikschas, Autos oder Motorrädern vorbei. Platz da! Unser Taxifahrer gibt Gas. Aus der zweispurigen Schnellstraße, die vom Flughafen in die Altstadt von Cochin führt, versucht er eine dreispurige Rennstrecke zu machen. Und wenn einer der Verkehrsteilnehmer einfach keinen Platz machen kann, steigt unser Rennfahrer in die Eisen, zupft kurz an seiner Sonnenbrille, grinst, hupt und rast weiter. Unaufhaltsam durch die tropische Mittagshitze. Als ob wir ihn darum gebeten hätten, da wir sonst unseren Flug verpassen würden. Dabei sind wir doch gerade erst gelandet.

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Da passt noch einer rein! Rikschas werden in Indien bis zum letzten Platz besetzt (Foto: Sebastian Schulke)

Drei Wochen Indien stehen auf unserem Programm – mit Rucksack und Familie. Shahin (mein Sohn), Katharina (meine Schwester), Yasmin (Shahins Mama), Konsti (eine Freundin) und ich haben uns vorgenommen, durch den Süden des Subkontinents zu reisen – und zwar von Cochin an der Westküste bis nach Chennai an der Ostküste. Mit Bus, Bahn, Rikscha oder Taxi. Übernachtungsquartiere suchen wir uns während der Reise am Wegesrand. Ein echter Abenteuerurlaub fernab der Heimat – wie ihn Abiturienten, Studenten oder Aussteiger gerne machen. Aber warum sollte das nicht auch mit Familie möglich sein?

Fort Cochin: Heuschrecken im Meer

Das Abenteuer ist bereits in vollem Gange. Die rasante Taxifahrt dauert eine gute halbe Stunde – die erste Etappe unserer Indientour über 34 Kilometer. Dann stehen wir vor „Beena Home Stay“ in der Jacob Road in Fort Cochin, so nennt sich die Altstadt, die sehr schön und recht beschaulich auf einer Halbinsel liegt. Hier werden wir die ersten vier Tage verbringen – bei Beena, ihrem Mann Sudi und deren Enkeltochter Akuti. Die drei bewohnen in ihrem kleinen Haus einen Raum, gleich neben der Küche und dem Esszimmer. Die restlichen fünf Räume vermieten sie an Touristen. Akutis Eltern studieren und arbeiten in Neu-Dehli, sind nur selten bei ihrer Tochter in Cochin.

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Indisches Street Food: Fladen aus Linsen und Bhajis, frittiertes Gemüse, gibt es an jeder Ecke (Foto: Sebastian Schulke)

Shahin, Yasmin und ich haben ein Zimmer. Genauso wie Katharina und Konsti. Ein Ventilator klebt an der Decke, kämpft sich durch die heiße und trockene Luft bei 38 Grad Celsius. Bevor wir uns hinlegen, bekommen wir noch indische Kochkünste geboten. Sudi hat vegetarische Biryanis für uns gemacht, das ist gewürzter Reis mit Gemüse. Dazu gibt es Idli (kleine Fladen aus Linsen und Reis) mit Sambar-Sauce. Sehr lecker! Wie Reissäcke fallen wir daraufhin in unsere Betten und schlafen. Endlich!

Vom Jetlag ist am nächsten Morgen nicht mehr viel zu spüren. Zum Frühstück gibt es wieder Idli mit würzigem Gemüse und Tomaten. Shahin will lieber Toast mit Marmelade, dazu ein Glas frische Milch von heiligen Kühen. Um die 76 Millionen stehen davon in ganz Indien herum – auf Feldern, am Straßenrand, in Gassen, unter Brücken und in Hinterhöfen. Einfach überall!

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„Mensch ärgere dich nicht“ wird überall auf der Welt gespielt – auch in Indien (Foto: Sebastian Schulke)

In Fort Cochin laufen uns zunächst nur Hunde und Ziegen über den Weg. Besonders am alten Hafen, der zu Fuß nur zehn Minuten von unserem „Home Stay“ entfernt ist. Dort ragen die berühmten chinesischen Fangnetze wie riesige Heuschrecken aus dem Meer. Fischer verkaufen an kleinen Ständen ihren Fang. Melonen und Weintrauben werden feilgeboten. Es gibt sogar einen Spielplatz mit einer großen Giraffen-Rutsche, Schaukeln und Wippen. Und in der David Hall Gallery wird Holzofenpizza gebacken – die einzige in Fort Cochin. Nicht weit vom Hafenviertel befindet sich der „Mahatma Gandhi Strand“. Baden sollte man dort nicht. Zu viel Schiffe, Industrie und Müll.

Die komplette Reisereportage von Sebastian Schulke lesen Sie in der aktuellen LUNA Nr. 53!