Pokemon Go kann seit heute endlich auch in Deutschland heruntergeladen werden und schon steht die Welt Kopf. Bzw.: Alle stoßen sich ihre Köpfe, während sie durch den Alltag laufen um kleine Monster zu fangen und zu trainieren. Bitte was ist los? Der Versuch einer Erklärung

Kleine Wesen, die andere in ihrem reellen Alltag sehen, die aber gar nicht existieren? Greift der Wahnsinn etwa um sich?! Man kann getrost antworten: Ja, das tut er. Damit ist jedoch keine Krankheit gemeint, sondern eine Art Kult, dem scheinbar alle um einen herum verfallen sind. Was ist also los mit der Welt? Was passiert hier? Und wer ist eigentlich dieser Bisasam?

Dank unerschrockener Recherchen lassen sich einige Fakten zusammentragen: „Pokemon Go“ ist aus einer Zusammenarbeit von Nintendo und der Spielefirma Niantic Labs entstanden. Letztere hat bereits mit „Ingress“ ein Spiel auf den Markt gebracht, das als App in die natürliche Umgebung des Spielers eingreift. Das Handy wird also zum Fenster einer modifizierten Realität, was wiederum die Oberfläche des Spiels darstellt. So weit so gut. „Ingress“ jedoch hatte längst keinen so durchschlagenden Erfolg wie „Pokemon Go“, was ist also anders? Was ist die Erklärung dafür, dass die „Pokemon Go“-App häufiger heruntergeladen wurde als die Dating-App Tinder in fünf Jahren? Die Tendenz ist steigend: Wie die Kollegen bei Gamespilot berichten, ist „Pokemon Go“ gut dabei, auch Twitter einzuholen. Wir wollten der Sache tiefer auf den Grund gehen und haben uns mit einer Betroffenen – nennen wir sie Marie W.- zum Gespräch getroffen.

„Pokemon GO weckt das Kind in mir und plötzlich laufe ich wie eine Grenzdebile durch die Straßen Berlins und versuche wilde Taubogas zu fangen. Auch Sätze wie ‚Du Schatz, unten im Späti war ein Rattfratz!‘ fallen gelegentlich. Ich fühle mich wie damals mit zehn oder elf, statt vor meinem pinken GameBoy Color klebe ich jetzt vor meinem Smartphone.“

Marie wirkt nachdenklich als sie gesteht, dass sie und ihre Schulfreunde damals alle vom Pokemon-Fieber befallen waren. „Nach zwei wilden Jahren schien Heilung in Sicht: neue Spiele kamen, Gameboys wurden uncool und Pokemon war Teil der Kindheit. Das Interesse für Videospiele nahm bei mir mit zunehmendem Alter ab und ich war überzeugt, dass mir das Spiele-Gen mit dem Älterwerden schlichtweg abhanden gekommen war. Doch mit der Nachricht, Pokemon GO würde im Sommer 2016 für Iphone und Android erscheinen, meldete sich mein elfjähriges Ich zurück und zählte die Tage bis zum geplanten Release. Pokemon in der realen Welt fangen – das schien zu schön um wahr zu sein.“

Wie schön das alles wirklich ist, sieht man beim Spaziergang durch den Park: Dutzende Menschen unterschiedlichen Alters halten einem das Handy entgegen, man selber kann nur erahnen, dass neben einem wahrscheinlich gerade Pikachu steht und auf seinen neuen TrainerIn wartet.

Der Alltag mit "Pokemon GO": Überall lauern die kleinen Monster, ob in der U-Bahn oder beim Spazierengehen. Tragisch: Häufig werden unschuldige Haustiere in das Spiel integriert und wissen nicht wie ihnen geschieht. Die meisten resignieren und kauen einfach weiter auf ihrem Stöckchen herum.
Der Alltag mit „Pokemon GO“: Überall lauern die kleinen Monster, ob in der U-Bahn oder beim Spazierengehen. Tragisch: Häufig werden unschuldige Haustiere in das Spiel integriert und wissen nicht wie ihnen geschieht. Die meisten resignieren und kauen einfach weiter auf ihrem Stöckchen herum.

Die ganze Manie macht nachdenklich: Ob sich an den Stadträndern bald autonome Pokemon-Kommunen bilden werden? Markiert Pokemon Go vielleicht das Ende der Landflucht? Werden Eltern dank dieses Spiels endlich ihre Kinder wieder für Sonntagsspaziergänge und Osterwanderungen begeistern können? Entdecken wir bald vielleicht bisher verborgene Inseln, Täler, Seen oder sogar Dinge, die wir gar nicht finden wollen? Erst kürzlich entdeckte eine junge Frau in den USA auf ihrer Jagd nach einem Pokemon einen realen Leichnam statt des gewünschten Pokemons. Und nicht nur das: In Australien stürmte eine Gruppe Jugendlicher eine Polizeiwache, um das sich dort befindende Pokemon mit ihrem Telefon zu fangen. Es passiert, was passieren muss: Die Welt verändert sich und wird nie wieder dieselbe sein. Das zumindest wird allerorts bereits ausgerufen und vor schlimmen Folgen gewarnt. Man könnte meinen, dass der Start von Pokemon Go mindestens so einschneidend ist, wie der Einzug des Fernsehers in die Wohnungen oder der erste Mann auf dem Mond. Die letzte Hoffnung, die bleibt, ist ein leeres Akku oder eine unzureichende WLAN-Verbindung. Maries Bericht jedenfalls macht Hoffnung:

„Da fiel mir plötzlich auf, dass ich meine Dalmatinerhündin nicht mit einem Pokeball fangen kann. Treudoof schaut sie mich an und möchte spazieren gehen. Da realisiere ich, dass ich mein Traum-Haustier inzwischen gefunden habe, klug anhänglich und mutig ist mein Hund und funktioniert auch ohne WLAN und GPS. Wir gehen spazieren – ganz analog.“

Wer immer noch keinen richtigen Zugang zu der ganzen Pokemon-Welt erhalten hat, dem könnte vielleicht eine Auseinandersetzung mit Süßigkeiten helfen. Ein hilfreiches Tutorial gibt es hier:

Giphs: via giphy.com