Grundsätzlich spricht ja nichts dagegen, wenn das Wohl der Kinder im Mittelpunkt steht. Doch wenn die Eltern  permanent um ihren Nachwuchs kreisen und die Bedürfnisse der lieben Kleinen über alles stellen – selbst über pädagogischen Einrichtungen wie Schule oder Kita und die Autorität von Lehrern und Erziehern – dann geht das Engagement manchmal einfach zu weit…

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„Family first“ ist an sich kein falscher Ansatz. Trotzdem sollten Eltern aufpassen, keine kleinen Tyrannen heran zu züchten (Foto: Pixabay)

Auf einem Elternabend der Grundschule forderte die engagierte Mutter einer Zweitklässlerin vor kurzem eine „Gemüsepflicht“ für die mitgebrachte Brotdose. Es könne ja nicht angehen, dass nur ihre Tochter vorbildlich an Möhrchen, Gurken und Kohlrabi knabbere, während sich ihre Freunde ungesunde Süßigkeiten, Nutella- oder gar Wurstbrote einverleiben. Von solchen Situationen können Pädagogen und Erzieher inzwischen ein Lied singen: Eltern mischen sich massiv in den Alltag ihrer Kinder ein – ganz besonders in den, der außerhalb ihrer Kontrollzone liegt, sprich: in der Kita oder der Schule.

Jeder Sonderwunsch der Kleinen soll berücksichtigt werden, jede Besonderheit muss beachtet werden: ob Laktoseintoleranz oder andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten, ob Hausstaub-, Erdnuss- oder Birkenpollenallergie …nicht selten werden die Kinder inzwischen mit ellenlangen Listen ausgestattet, auf denen penibel beschrieben wird, was die Pädagogen im Einzelfall alles im Auge haben sollen. Doch wie soll das gehen, in einer Kita-Gruppe oder Schulklasse mit 25 Kindern?

Helikoptereltern züchten Tyrannenkinder heran 

Eine Erzieherin berichtete kürzlich in einem auf Spiegel Online veröffentlichten Artikel: „Ich bekam von einem Elternteil einen Zettel an das Garderobenfach geklebt, mit exakten Anweisungen: Unter 18,5 Grad Pulli anziehen, ab 22,5 Grad Sonnenschutzoberteil an. Ersteres im Schatten gemessen, letzteres bei Sonne ebenfalls im Schatten gemessen.“ Da bleibt einem, gelinde gesagt, einfach nur die Luft weg.

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Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden, edition a, 21,90 Euro

Die Wiener Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger hat sich in ihrem Buch „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“ mit dem Phänomen der überbehüteten, verwöhnten Kinder von heute befasst. Sie prognostiziert, dass durch das Verhalten der Eltern gerade eine ganze Generation von Narzissten heranwächst, die nur um sich und die eigenen Bedürfnisse kreist. Ihr Eindruck: Eltern erfüllen ihren Erziehungsauftrag nicht mehr. Sie setzen zu wenig Grenzen, geben jedem Wunsch nach und versäumen es dabei, ihren Kindern Werte wie Rücksicht, gegenseitigen Respekt, Toleranz und die Bedeutung des Teilens beizubringen. Die düstere Bilanz: Helikoptereltern züchten eine Horde von Tyrannenkinder heran.

„Eltern müssen Leitwölfe sein“ 

Doch wie lässt sich dieses Dilemma auflösen, ohne einen Graben zwischen Eltern und Erziehern beziehungsweise Lehrern zu schaffen? Denn die Einmischung der Erziehungsberechtigten, wie ein weiteres Beispiel aus dem Spiegel Online Artikel zeigt, geht bereits zu weit. Eine Lehrerin zitiert hier das Entschuldigungsschreiben einer Mutter: „Meine Tochter konnte leider nicht in die Schule kommen. Sie hat die halbe Nacht nicht geschlafen. Ich weiß nicht, warum es so war, aber sie konnte dann nicht in die Schule kommen. Sie wäre sicher eingeschlafen.“ Wäre es nicht vielmehr die Aufgabe der Eltern, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder rechtzeitig ins Bett gehen und möglichst gut schlafen?

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Jesper Juul: Leitwölfe sein – Liebevolle Führung in der Familie, Beltz, 16,95 Euro

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul fordert Eltern auf, Grenzen zu ziehen und sich ihrer Vorbildfunktion bewusst zu werden. „Eltern müssen Leitwölfe sein“, fordert er in seinem aktuellen Buch „Liebevolle Führung in der Familie“. Kinder profitieren von eindeutigen Anweisungen. Dazu gehören auch feste Uhrzeiten, verbindliche Ansagen und klare Strukturen im Alltag, denn das gibt Sicherheit und Halt. Mangelnde Führung und unsichere Erwachsene, die lieber jedem Wunsch nachgeben, als einen Konflikt mit ihren Kindern auszutragen, bezeichnet er als kontraproduktiv.

Die Lösung besteht also vielmehr darin, dass sich alle Beteiligten – Eltern, Kinder, Erzieher und Lehrer – an bestehende Regeln halten und sich die Erwachsenen auf Konsequenz und klare Ansagen einigen. Dann werden Entschuldigungsschreiben wie das oben zitierte in Zukunft hoffentlich wieder seltener.