Im November wurde Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt, seither vergeht kein Tag ohne eine erschreckende Meldung über den „mächtigsten Mann der Welt“. Die Europäische Union steht sowieso auf wackeligen Beinen und alle sprechen vom „Flüchtlingsproblem“. Parallel kommt der Terror näher – Anschläge in Paris, Berlin und aktuell in Manchester sorgen für Schlagzeilen. Die Bilder zu diesen Meldungen sind ähnlich deprimierend. Was schon für Erwachsene beängstigend ist, muss die Kleinen erst recht schocken. Sollen Eltern ihren Kindern erklären, was vorgeht? Wir haben beim Experten nachgefragt.

Mediale Überforderung

Man könnte meinen, wir lebten in einer Zeit, in der sich die Ereignisse immer öfter überschlagen. Dabei passiert heute nicht unbedingt mehr als früher. Fakt ist jedoch, dass wir durch unsere Smartphones und das Internet viel mehr Infos in höherer Frequenz erhalten. Meistens gleichzeitig: Während wir die eine Meldung noch verarbeiten müssen, erhalten wir schon die nächste Schreckensnachricht und spüren, dass wir nicht mehr hinterherkommen.
„Die Informationsflut ist schon für uns Erwachsene nicht leicht zu verarbeiten. Wir fühlen uns überfordert und täten gut daran, zwischendurch mal abzuschalten! Wie geht es dann erst unseren Kindern damit?“, fragt Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff. Der Arzt beschäftigt sich seit 30 Jahren mit psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter und hat dabei natürlich auch die Eltern mit im Blick. Er beobachtet, dass sie ihre Kinder zunehmend wie junge Erwachsene behandeln und ihnen somit eine Verantwortung übertragen, der diese nicht gewachsen sind. Deshalb sollten Eltern den Umgang der Kleinen mit Medien einschränken und die daraus bezogenen Informationen für sie filtern. Ähnliches empfiehlt er, wenn Kinder schreckliche Vorfälle wie beispielsweise Terroranschläge mitbekommen und Fragen stellen.

Müssen Kinder den Terror verstehen?

winterhoff
DR. MED. MICHAEL WINTERHOFF ist niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie in Bonn. Zudem ist er Autor mehrerer Bestseller über gesellschaftliche Probleme und die veränderten Eltern-Kind-Beziehungen. In seinem Buch „Mythos Überforderung“ erklärt er anschaulich, wie wir wieder mehr Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen können.

„Häufig wird angenommen, wir müssten den Kindern genau erklären, was vor sich geht. Wir glauben, dass sie es dann verstehen und wir unserer Aufgabe als Eltern gerecht geworden sind.“
Eben dies hält Winterhoff für einen Irrtum. Erklärungen seien hier nicht hilfreich, sondern eher Überforderung. Zum einen, weil Kinder diese Dinge schlicht nicht verstehen könnten – wie auch, wenn schon wir Erwachsenen unsere Probleme damit haben. Zum anderen, weil komplexe gesellschaftliche und politische Ereignisse gar nichts in der Wirklichkeitswelt unserer Kinder zu suchen hätten. „Und dann werden die Kinder oft mit den ganzen Informationen alleine gelassen, obwohl sie selber noch gar nicht über das Rüstzeug verfügen, mit der Erwachsenenwelt umzugehen“, kritisiert Winterhoff. Das sei nicht fair. „Auf diese Weise übergeben wir die Kleinen auf einen Schlag an eine Welt, in die sie erst langsam hineinwachsen sollten.“
Aber was wäre denn die ideale Reaktion der Eltern, wenn sich die Tochter oder der Sohn mit ihren Fragen zu aktuellen Geschehnissen an sie wendet? Ist Anlügen eine Option? Winterhoff verneint. Vielmehr komme es darauf an, eine kindgerechte Erklärung zu finden. „Natürlich kann man kurz über schlimme Vorgänge sprechen, die es in unserer Welt nun mal gibt. Aber eben nicht so, wie man mit einem Erwachsenen darüber sprechen würde. Auf detaillierte Informationen sollte man verzichten.“ Winterhoff empfiehlt, den Kindern grob zu skizzieren, was vor sich gehe, und kurz mit ihnen darüber zu sprechen. Danach sollte man wieder zur Tagesordnung zurückkehren oder die Kinder ablenken, indem man sie etwa an ihre Hausaufgaben oder andere Aktivitäten erinnere. So habe das Kind das Gefühl, dass für die eigene Familie und das nähere Umfeld keine Gefahr bestehe und es sich aktuell nicht in einer gefährlichen Ausnahmesituation befinde. Diese Sicherheit sei wichtig. Eine angstvolle Kindheit könne Traumata oder lebenslang fehlendes Vertrauen zur Folge haben.

Trotz Terror und schlechter Nachrichten Sicherheit vermitteln

Winterhoff betont, dass das Verhalten der Eltern selbst entscheidend für die Weltwahrnehmung der Kinder sei. Kinder hätten starke Sensoren für Stimmungen. Wenn die Eltern hysterisch oder ängstlich reagierten, würde sich dieses Grundgefühl auch auf die Kinder übertragen. Es sei aber Aufgabe der Eltern, ihren Kindern Sicherheit zu vermitteln. „Dass wir uns Sorgen machen, ist völlig normal und in manchen Fällen ja sogar gesund. Aber rein statistisch gesehen ist es höchst unwahrscheinlich, dass wir hierzulande bei einem Terroranschlag ums Leben kommen.“
Tatsächlich hat laut Winterhoff die permanente mediale Überforderung zu großer Verunsicherung und einer weitverbreiteten pessimistischen Sicht auf die Welt geführt. „Das ist keine Lappalie! Über die Jahre habe ich beobachtet, wie die Digitalisierung uns selbst, aber auch unsere Kinder verändert hat. Wir können nicht so viel verarbeiten, wie wir ständig vorgesetzt bekommen!“ Infolge der Informationsflut hätten Unruhe und Angst spürbar zugenommen. Wie sollen Kinder da zu starken Persönlichkeiten heranwachsen?

Verantwortungsvolle Medienerziehung

Winterhoff rät zu gezieltem Medien-Entzug, um die erheblichen kognitiven und psychosozialen Herausforderungen abzufedern, vor die uns die digitale Revolution stellt. Viele hätten ja bereits Schwierigkeiten, sich offline mit sich selbst und ihren Mitmenschen zu beschäftigen. Winterhoff empfiehlt: einfach mal abschalten und sich selbst „aushalten“.
„Wir haben verlernt, im Moment zu leben. Wir sind immer unterwegs, sind gleichzeitig an so vielen Orten und werden nervös, wenn unser Akku mal leer ist.“ Dieses Verhalten, so der Mediziner, übertrage sich auf unsere Kinder und ihren eigenen Umgang mit den Medien und sozialen Netzwerken – immerhin seien die Eltern die erste Instanz, an der sich die Kinder orientierten und von der sie sich alles abguckten.
„Es geht ja gar nicht darum, unsere Kinder in Watte zu packen, sondern darum, ihnen einen verantwortungsbewussten Medienumgang beizubringen und zu ermöglichen.“ Daher rät Winterhoff dringend davon ab, den Kids zu schnell ein eigenes Smartphone oder Tablet zur Verfügung zu stellen. „Kinder sollen ihre Kindheit haben. Erwachsen werden sie früh genug – sogar ganz ohne Smartphones.“

Titelbild: unsplash.com/ Annie Spratt
Portrait: Peter Wirtz