In Finnland wurde die Schreibschrift abgeschafft – auch in Deutschland ist es um sie nicht viel besser bestellt, beobachten Experten. In vielen Bundesländern sehen die Lehrpläne das Erlernen einer verbundenen Handschrift nicht mehr vor. Ist das im 21. Jahrhundert nur zeitgemäß oder ein Grund zur Besorgnis?

Tippen statt schreiben: Wird so die Zukunft aussehen? Am 23. Januar, dem internationalen Tag der Handschrift, war dies wieder ein großes Thema in den Medien. Experten äußern sich immer wieder besorgt über das drohende Aussterben der Handschrift, denn: Wer nicht flüssig schreiben kann, hat es in der Schule schwerer. Sie rufen Fachleute auf, die Verantwortung zu übernehmen und Kindern eine gut lesbare Handschrift beizubringen (was Eltern tun können, um Kindern den Schulstart zu erleichtern, haben wir ebenfalls mit Bildungsexperten besprochen). Über die Bedeutung der Handschrift für Kinder haben wir ein Interview mit der Pädagogin Maria-Anna Schulze Brüning geführt, die gemeinsam mit Stephan Clauss das Buch „Wer nicht schreibt, bleibt dumm“ geschrieben hat (Piper Verlag 2017) .

Gibt es Deutschland ähnliche Tendenzen wie in Finnland?

In Deutschland wird die Abschaffung der Schreibschrift seit Langem indirekt oder unbewusst betrieben und nur noch nicht so offen und radikal gefordert wie in Finnland. Die jetzt vom Grundschulverband propagierte „Grundschrift“ ist eine reine Druckschrift mit einem Schreibschriftversprechen, dessen Einlösung nicht überprüft wird. Eltern werden vergeblich darauf warten, dass ihr Kind eine Schreibschrift entwickelt, und Didaktiker werden darauf verweisen, dass das Kind sich halt anders entschieden habe. In Deutschland verschwindet die Schreibschrift nicht mit einem Paukenschlag, sondern leise und fast unbemerkt durch die Hintertür. Und mit ihr die Wertschätzung des Handschreibens überhaupt, das zunehmend in Konkurrenz zum angeblich superleichen Tastaturschreiben gesehen wird.

Warum ist eine gute Handschrift wichtig für Kinder?

„Wir schreiben doch nur noch Einkaufszettel mit der Hand“, heißt es immer. Vergessen wird dabei, dass Schüler auch im Tablet-Zeitalter noch täglich mit der Hand schreiben – 10 bis 13 Jahre lang! Die Handschrift ist in der Schule ein alltägliches Handwerkszeug, das rein technisch funktionieren muss. Ein gutes Werkzeug spürt man nicht. Mit einem Hammer, der wackelt, kann man nur mühsam einen Nagel einschlagen und mit einer stumpfen Schere nicht schneidern. Da ist die Freude am Werkeln schnell verleidet, denn das defekte Werkzeug beansprucht Aufmerksamkeit und behindert die eigentliche Aufgabe. Wenn die Handschrift „hinkt und stolpert“, absorbiert sie viel Aufmerksamkeit, die dem inhaltlichen Schreiben nicht mehr zur Verfügung steht. Ein Handschrifthandicap wird so zur Dauerbremse der Gedanken und zudem zum Motivationskiller Nummer eins.

entgleisende Handschrift
Beispiel für eine entgleisende Handschrift

Wie wirkt sich die Handschrift auf das Gehirn und die Lernfähigkeit von Kindern aus?

Für Schulanfänger ist und bleibt das Handschreiben das Medium der Aneignung der Schriftsprache. Kinder müssen Buchstaben im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Sie müssen sie selbst formen, und während des Schreibens lautieren sie mit. Übrigens, die fließende Schreibschrift passt zum fließenden Sprechen und unterstützt die Umsetzung von Sprache in Schrift in besonderer Weise.
An der Tastatur hingegen übt man nur eine reine Zeigefunktion aus. Die Buchstaben und Wörter, die am Bildschirm erscheinen, werden nur durch Berühren von Symbolen erzeugt und nicht durch Bewegungsabläufe, die in unser motorisches Gedächtnis eingehen können. Für Kinder bedeutet dies, dass beim Tippen eine ganz wesentliche Gedächtnisspur ungenutzt bleibt. Die Ausdrücke „sich etwas einverleiben“ oder „in Fleisch und Blut übergehen“ vergegenwärtigen die Beteiligung des Körpers an Lernprozessen. Wie wichtig das Handschreiben trotz Tablets und Pcs beim Lernen ist, bestätigten Jugendliche in meiner Umfrage. „Wenn man mit der Hand schreibt, lernt man schon die Hälfte.“ so formulierte ein Schüler das, was auch die anderen auf Platz eins der Vorteile der Handschrift sahen – die Vergegenwärtigung von Inhalten und die intensive Gedächtnisstütze.

Warum tun sich so viele Kinder schwer beim Schreiben mit der Hand?

Kinder, die mit großen Schriftproblemen in die Sekundarstufe kommen, schreiben noch wie Schulanfänger. Sie schreiben etliche Buchstaben falsch, etwa ein a als Kringel mit einem Strich daran, ein b als 6 oder ein d als spiegelverkehrte 6. Sie beginnen die Buchstaben an beliebiger Stelle – mal oben, mal unten, mal rechts, mal links – und können so nicht zu einer Schriftkoordination kommen. Auch die Schreibschrift, vor allem die sogenannte Vereinfachte Ausgangsschrift, konnte korrekte Bewegungsrichtungen und das fehlende Gefühl für Größen und Abstände in der Regel nicht nachreichen.
Seit den 1970er-Jahren wird dem Üben der Handschrift immer weniger Bedeutung beigemessen. Das Bewusstsein dafür, dass das Handschreiben eine Kulturtechnik ist, die systematisch gelehrt und geübt werden muss, ist kaum noch vorhanden. Individualisiertes und selbstverantwortetes Lernen ist das Leitmotiv heutiger Pädagogik, dem auch das Erlernen der Handschrift überlassen wird. Das Kind findet seinen Weg selbst – so die Ideologie. Nicht wenige verirren sich aber beim Experimentieren und laufen ins offene Messer. Meines Erachtens hat jedes Kind das Recht auf eine flüssige, gut lesbare Handschrift, auf Anleitung und Übung. Dafür müssen Fachleute die Verantwortung übernehmen, und nicht das Kind.

 

In der Luna 67, die am 1. März erscheint, spricht Maria-Anna Schulze Brüning mit uns auch über das Thema Handschrift, vor allem unter dem Aspekt, welchen Einfluss sie auf die Kreativität von Kindern hat.

Foto Titelbild: shutterstock

 

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