Wie steht es mit der Digitalisierung der deutschen Schulen? Laut KIM-Studie schlecht. Wir wollten es genauer wissen und haben mit Fachleuten gesprochen.

Das Internet oder Geräte wie Smartphone oder Tablet sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die Tatsache, dass in westlichen Haushalten eine funktionierende WLAN-Verbindung  zum Standard gehört, beweist, wie essenziell der digitale Teil unseres Lebens geworden ist. Eine Ausnahme bilden die öffentlichen Schulen Deutschlands, wie die jüngste KIM-Studie vermuten lässt.

Ernüchternde Ergebnisse der KIM-Studie

Die KIM-Studie (Kindheit, Internet, Medien) wird seit 1999 jährlich vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs) durchgeführt. Hierbei wird der Medienumgang der Sechs- bis 13-Jährigen untersucht, privat wie auch in der Schule. Eines der Ergebnisse der letzten Studie ist der auffällige Kontrast zwischen privater und schulischer Nutzung digitaler Medien.

Theresa Plankenhorn ist Koautorin der KIM-Studie und erläutert dies: „Bei der Studie stellen wir den Kindern Fragen einerseits zum Einsatz von Medien im Schulunterricht, andererseits zu ihrer Mediennutzung zu Hause im Rahmen der Hausaufgaben und des Lernens für die Schule. Hierbei wird deutlich, dass Kinder digitale Medien intensiv zu Hause für die Schule nutzen: Drei Viertel der Sechs- bis 13-Jährigen recherchieren mindestens wöchentlich etwas im Internet – beispielsweise für ihre Hausaufgaben. 54 Prozent nutzen regelmäßig zu Hause ein Lernprogramm. Im Schulunterricht selbst werden neue Medien nur vereinzelt eingesetzt: Lediglich zwei von fünf Kindern, die generell Computer nutzen, haben auch schon einmal in der Schule am PC gearbeitet.“ (Ein ausführliches Interview mit Theresa Plankenhorn findet ihr hier.)

Digitalisierung an Schulen; Javier Quesada

In der Schule werden Computer und Co. kaum genutzt

Nicht einmal die Hälfte der Schülerinnen und Schüler benutzt in der Schule also regelmäßig einen PC oder andere digitale Medien, wohingegen Recherche und Bildung am Rechner im Lernalltag zu Hause durchaus zur Regel gehören. Bedenkt man die allgegenwärtige Digitalisierung unseres Alltags, ist dieses Ergebnis durchaus ernüchternd. Woran liegt es, dass der Unterricht offensichtlich immer noch lieber analog als digital erfolgt?

Plankenhorn weist zunächst auf äußere Gegebenheiten hin: „An vielen Schulen in Deutschland ist es eine Frage der vorhandenen Medienausstattung.“ Dr. Nana Schön bestätigt diese Aussage. Sie ist Lehrerin an einer Brandenburger Oberschule und kämpft hier an vorderster Front gegen die alltäglichen EDV-Probleme. „Die Geräte und das WLAN an unserer Schule werden von der Stadt verwaltet. Das bedeutet konkret, dass sich vor Ort keiner darum kümmern kann, wenn mal etwas nicht funktioniert. Um Defekte an der Internetleitung oder an den Rechnern reparieren zu lassen, muss man einen aufwendigen und Zeit fressenden Weg einschlagen – das ist nicht immer einfach.“ Die Grundausstattungen an Schulen variieren außerdem deutschlandweit. Eine gemeinsame Basis herzustellen ist schwierig und natürlich auch eine Kostenfrage – jedoch nicht nur das: „Oft bleibt für Medienbildung kein Spielraum angesichts des Schulalltags und anderer Themen wie ‚Inklusion‘ oder ‚differenzierter Unterricht‘“, meint Theresa Plankenhorn.

Früh übt sich – das gilt auch für Lehrer

Neben der schulischen Ausstattung mit digitalen Medien sollte heutzutage auch der Umgang damit völlig normal sein – für das Lehrpersonal ebenso wie für die Schülerinnen und Schüler. Tatsächlich ist er aber für viele Lehrkräfte alles andere als selbstverständlich, weshalb Plankenhorn resümiert: „Es scheint durchaus ein Problem zu sein, dass das Thema ‚Medienbildung‘ nicht verbindlich in die Lehrerausbildung integriert ist.“

In den Bundesländern ist man sich dieses Problems bewusst und steuert bereits gegen. In Nordrhein-Westfalen, dem größten Bundesland, das die meisten Schulen Deutschlands verwaltet, gibt es beispielsweise eine eigene Medienberatung, die im Auftrag des Ministeriums für Schule und Weiterbildung das digitale Lernen fördern soll. Birgit Giering ist pädagogische Mitarbeiterin am Standort Münster. Sie erklärt, dass bereits bei der Ausbildung der angehenden Lehrer im Studium wie auch im Referendariat verstärkt auf medienpädagogische Ansätze geachtet werde. Dies bedeutet etwa konkret, dass in Zukunft mindestens eine ganze Lerneinheit pro Halbjahr unter Einsatz digitaler Medien gestaltet werden muss. Hier stellt sich jedoch die Frage, warum eine solche Regelung nicht schon längst fester Bestandteil des Schulalltags ist. Giering lenkt ein: „Natürlich hat das alles auch immer viel mit der Bereitschaft und der eigenen Medienkompetenz der Lehrpersonen zu tun. Allerdings setzen wir so früh wie möglich an.“

Je früher die digitale Bildung beginnt, desto besser ist es

Im Land NRW wurde der Medienpass entwickelt. Dies ist ein Onlinepass, der die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler dokumentiert. Durch digitale Abzeichen, sogenannte Badges, die nach Lerneinheiten vergeben werden, kann so der Lernerfolg der Schüler sichergestellt werden. Aber auch für die Schulen und das Lehrpersonal soll es Hilfestellungen geben, indem vermehrt Medienkompetenzteams an den Schulen eingesetzt werden.

Grundsätzlich gilt hier: je früher, desto besser. So wird bereits an Grundschulen der Einsatz digitaler Medien gefördert. „Man glaubt es vielleicht nicht, aber die Pädagoginnen und Pädagogen an den Grundschulen gehen da mit sehr gutem Beispiel voran. Es ist hier normal, dass die Kleinen schon kreativ und zielgerichtet mit digitalen Lernprogrammen und Geräten umgehen“, erklärt Giering.

Dieser frühe Umgang mit digitalen Medien in der Schule wird jedoch nicht von allen Eltern und Beteiligten begrüßt. Häufig höre man noch Argumente wie „Die Kinder sollen erst mal richtig lesen und schreiben lernen, bevor sie anfangen zu tippen!“, erzählt Giering. Sie ist jedoch der Überzeugung, dass gerade in der Phase, bevor ein Kind bereits Lesen und Schreiben gelernt hat, das Lernen dank digitaler Medien erleichtert wird. So werden die Kleinen schon früh und spielerisch an Lerninhalte herangeführt, ohne dass sie dafür bereits Schönschrift üben mussten. Giering sieht die digitalen Medien an der Schule durch und durch positiv – wenn sie richtig eingesetzt werden.

Digitalisierung an der Schule; istock

Lebenswirklichkeit vs. Schulalltag

Nana Schön spricht ebenfalls vom richtigen beziehungsweise angemessenen Einsatz digitaler Medien. Sie unterrichtet die Fächer Mathematik, Physik und Naturwissenschaften. Bei ihr kommen digitale Medien nicht nur zum Einsatz, um einen Text abzutippen oder um Informationen aus dem Internet zu ziehen: „Die Versuche im Physikunterricht sind häufig schnell vorbei – teilweise sogar zu schnell. Mit der Smartphone-Kamera und der Slow-Motion-Funktion ist das kein Problem: Die Klasse nimmt ihre Versuche auf, kann sie sich in Ruhe mehrfach anschauen und hinterher auswerten.“ Natürlich sei ein schöner Nebeneffekt, dass die Benutzung des Smartphones die Schüler in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit abhole – zu der die Geräte nun mal dazugehörten. Darüber hinaus lernten die Kinder, was man neben Spielen und Telefonieren noch alles mit einem solchen Phone anstellen könne.

Giering pflichtet an dieser Stelle bei: „Unterricht kann durch den Einsatz digitaler Medien viel individueller sein. Im Deutsch-
unterricht zum Beispiel können die Schüler und Schülerinnen mithilfe digitaler Medien den Stoff ganz nach ihren eigenen Interessen und Fähigkeiten aufbereiten. Warum sollten immer alle dasselbe machen, etwa Referate halten, die immer gleich aufgebaut sind? Die Hauptsache ist doch, dass die Inhalte bestmöglich vermittelt werden.“

Die Ergebnisse der KIM-Studie schlagen in eine ähnliche Kerbe, wie Plankenhorn unterstreicht: „Kinder und Jugendliche sind meist sehr motiviert, neue Medien zum Lernen einzusetzen. Im Rahmen ihrer Hausaufgaben und beim häuslichen Lernen nutzen sie diese ja bereits. Sie recherchieren online für die Schule, sehen sich YouTube-Videos zu Unterrichtsinhalten an, nutzen digitale Lernprogramme oder tauschen sich mit ihren Mitschülern über soziale Medien zu den Hausaufgaben aus. Diese Motivation für die Verwendung neuer Medien zum Lernen sollte von den Schulen aktiv genutzt werden.“

Wie integriert man Medienkompetenz in den Schulalltag

Ziel des Landes Nordrhein-Westfalen ist es, Medienkompetenz vor allem inklusiv lernen zu lassen. Es soll also zum Unterrichtsalltag werden, dass Schüler Podcasts erstellen, Videos machen, mit YouTube lernen oder Blogs mit Inhalten füllen. Dies soll in allen Fächern des Lehrplans stattfinden – natürlich immer mit angemessener Ausrichtung. Dafür braucht es nach Meinung Gierings auch keinen gesonderten Informatikunterricht.

Eine Aussage, der Nana Schön widersprechen würde. Sie findet vielmehr, dass ein verantwortungsbewusster Umgang mit neuen Medien erst durch das Lernen bestimmter Grundlagen gegeben ist. Informatikunterricht im Land Brandenburg ist jedoch nur am Gymnasium im Angebot, nicht an Oberschulen. „Im Physikunterricht erklären wir ja auch Grundlagen, die größtenteils wichtiges Allgemeinwissen darstellen – etwa dass man sein Handy nicht mit in die Badewanne nehmen darf, während der Akku an einem 230-Volt-Stromnetz geladen wird.“

Wie funktionieren Facebook und Instagram?

Zum Informatik-Grundlagenwissen gehört nach Meinung Schöns auch, dass die Schülerinnen und Schüler verstehen, wie Facebook oder Instagram funktionieren – also im besten Fall hinter die Kulissen geschaut wird. Algorithmen sollten besprochen werden, die verantwortlich für die Auswahl an Themen sind, die im Facebook-Feed auftauchen, wenn wir uns einloggen. Aber auch die Tatsache, dass es Algorithmen gibt, die über die Kreditfähigkeit von Kunden bei Onlinekaufhäusern entscheiden, sollten Schüler kennen: Wohne ich in einer wenig wohlhabenden Nachbarschaft, werde ich mir zwar online eine Waschmaschine kaufen können, muss sie aber bar bezahlen. „Zu hinterfragen, wie und warum wir mit gewissen Infos gefüttert werden und wie wir mit den Möglichkeiten, aber auch Gefahren des Internets umgehen, sollte in allen Klassen gesondert unterrichtet werden.“ Auch hier scheint an den Schulen Deutschlands Nachholbedarf zu bestehen.

Giering schließt das Erlernen eines verantwortungsbewussten Umgangs mit digitalen Medien jedoch nicht aus dem Unterricht aus – ganz im Gegenteil: „Digital Native sein muss auch heißen, dass man reflektiert, mit digitalen Medien umgehen kann. Genau das muss im Unterricht beigebracht werden und sollte ein Ziel des Lehrplans sein.“

Digitalisierung an der Schule

Kommt als nächstes „Augmented Reality“ im Unterricht?

Es ist offensichtlich, dass noch einiges an Deutschlands Schulen passieren muss, um das Potenzial digitaler Medien gut zu nutzen. Auch wenn viele Lehrer sich bereits um den regelmäßigen Einsatz digitaler Medien bemühen, gibt es immer noch einige, die eben selbst keine Digital Natives sind und dem gesamten Konzept mit Skepsis begegnen. Aber auch bei den Eltern sehen Schön und Giering zumindest eine Teilverantwortung. „Zu Hause muss ein vernünftiger Umgang mit neuen Medien stattfinden – nicht in Form von Verboten, sondern sinnvoller Regeln“, findet Giering. Schön fügt hinzu, dass in vielen bildungsnahen Schichten das Buch immer noch das beliebteste Medium sei und digitale Medien eher als „Zeitvertreib“ angesehen würden. Hier wie auch in den Köpfen der Lehrer muss also ein Umdenken stattfinden.

„Vor allem müsste ein klares, gemeinsames Verständnis von Medienbildung vorhanden sein“, fordert Plankenhorn. Erst dann, so die Koautorin der KIM-Studie, könne ein sinnvoller Einsatz moderner Medien von allen Seiten ermöglicht werden.

Wie sieht die Mediennutzung in zehn Jahren aus?

Auf die Frage, wie sich die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen in den nächsten zehn Jahren verändern werde, fällt ihr die Antwort schwer: „Wenn man bedenkt, wie viel sich in den letzten zehn Jahren verändert hat, ist es nicht einfach, Prognosen aufzustellen.“ Auch wenn der Trend hin zu einer noch stärkeren Einbindung neuer Technologien zu gehen scheint, sei nicht ausgeschlossen, dass es auch Gegenbewegungen gebe: „Einerseits könnte man vermuten, dass die mobile Internetnutzung, die Nutzung von Streaming-Angeboten und innovative neue Spielideen durch Augmented-Reality-Technologien bei der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen eine stärkere Rolle spielen werden. Dies würde zu einem Anstieg der online verbrachten Zeit und einer immer größeren Durchdringung aller Lebensbereiche mit Medientechnik führen – auch in der Schule. Andererseits gibt es mittlerweile schon Tendenzen, an denen wir erkennen, dass auch Kinder und Jugendliche an ihre Toleranzschwelle kommen, wenn sie konstant durch das Smartphone mit Inhalten und Nachrichten konfrontiert werden.

Viele sind bereits der Meinung, dass Handys und Smartphones durch die vielen Nachrichten manchmal nerven, sie verzichten bewusst zwischendurch auf die Technik.“ Bewusste und verantwortungsvolle Nutzung digitaler Medien ist also von essenzieller Wichtigkeit – an dieser Stelle sind sich alle einig. „Und auch in zehn Jahren werden sicher noch Bücher gelesen“, fügt Plankenhorn hinzu – wie antiquiert!

Bilder: Corey Motta, Istock, Javier Quesada