Die 1919 in Weimar gegründete Kunstschule gilt als „Talentschmiede der Moderne“ und prägt bis heute Kunst, Architektur und Design in aller Welt – und das sowohl für Groß und Klein. Denn auch in Sachen Kinderzimmer und Spielzeugdesign hat das Bauhaus die Designwelt revolutioniert.

Bauhaus-Designklassiker wie die Barcelona-Sessel von Mies van der Rohe sind weltweit bekannt. Oft wird jedoch vergessen, dass sich von Anbeginn der Bewegung stets auch der Welt der Kinder gewidmet wurde. Anfangs verkauften die Bauhäusler ihr selbst gefertigtes Spielzeug auf dem Weimarer Marktplatz, später wurden Kindermöbel in den Werkstätten gefertigt.
Ab 1923 stand vor allem Alma Siedhoff-Buscher im Zentrum dieser Strömung. Sie entwarf Kindermöbel, die einfach, praktisch und multifunktional waren.

Revolutionäres Gedankengut

Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts klingt das nicht besonders bemerkenswert, aber in den 1920er-Jahren war das revolutionär. So war der von Alma Siedhoff-Buscher entworfene Spielschrank nicht nur ein Aufbewahrungsort, sondern lieferte gleich auch mehrere Kisten zum Spielen. Und über eine Öffnung in der Schranktür ließ sich die Bühne für ein Puppentheater umbauen. Auch das Kinderzimmer in dem berühmten Musterhaus „Haus am Horn“ während der großen Bauhaus-Ausstellung in Weimar wurde von ihr ausgestattet.

DIe modernen hochwertig handgefertigten Figuren Engel + Bergmann aus der Figurenserie „Die Armleuchter“ haben das Zeug zum Design-Klassiker.

Design für die Fantasie

Das Besondere am Bauhaus-Spielzeug ist, dass es in zweifacher Hinsicht Wünsche befriedigt. Eltern, die Wert auf „schönes Spielzeug“ und ein „schönes Kinderzimmer“ legen, werden an Entwürfen von Siedhoff-Buscher und Co. ihre Freude haben. Und auch Kinder lieben es, denn es schränkt den Spielspaß nicht ein. Ganz im Sinne der Bauhaus-Mentalität steht Funktionalität an erster Stelle und reduziert das Design auf das Essenzielle. Der Verzicht auf Schnörkeleien und rosafarbenen Kitsch fördert sogar die Fantasie.

Schöner Spielen

In seinem Buch „Spielen-Lernen“ schrieb der Pädagoge Andreas Flitner zu eben diesem Thema unter anderem: „Selbstverständlich fühlen sich Eltern […] auch für die geschmackliche Umgebung ihrer Kinder zuständig. […] Wie so oft in der Erziehung stehen hier zwei Güter einander entgegen.
Einerseits der Respekt vor den Wünschen und Gefühlen der Kinder, andererseits der Wunsch, dass die Kinder auch ästhetisch etwas lernen.“ Ein modernes Gedankengut, das 2019 aber schon hundert Jahre alt wird.

Im Interview: Heiko Hillig, Produktdesigner bei Naef, über den Designwert von Spielzeug

Was macht gutes Spielzeugdesign aus?

Foto: Patrick Engeler

Heiko Hillig: Spielzeug, also Zeug zum Spielen – für Kinder kann dies nahezu alles sein. Die kindliche Fantasie macht aus einem schlanken hohen Baustein einen Wolkenkratzer, ein anderer wird zur Brücke über den Fluss und die Nussschale wird zum eigenen Boot. Spielzeug sollte Freiraum für das Spiel bieten. Reale Bezüge zu unserer Umwelt andeuten, so bleibt es multifunktional.

Worin liegt der therapeutische Wert Ihres Spielzeugs?

Kinder lernen im Spiel und Spielzeug kann gewisse Entwicklungsschritte unterstützen. Wenn die kindliche Entwicklung verzögert ist, wird mittels Therapie der Lernprozess angeregt und begleitet. Die Lernschritte sind die gleichen, es geht bei Behinderungen nur langsamer. Babys lernen, indem sie Gegenstände mit den Augen fixieren, sie ertasten und untersuchen. Unsere Greiflinge sind ideal für diese Phase und unterstützen die Entwicklung der Sinne. Die Konstruktionsspiele sind wertvolle Begleiter durch die ganze Kindheit hindurch. Sie fördern die Geschicklichkeit, das räumliche Vorstellungsvermögen, regen die Fantasie an.

Werner Spielzeug hat seinen Sitz in Thüringen.

Und kommt das Spielzeug so reduziert überhaupt bei Kindern an?

Was heißt hier „reduziert“? Kinder lieben interessantes Material und Farben – und die Spiele von Naef bieten genau das an. Wenn man mit Reduktion meint, dass Figuren wie Schlösser und Drachen fehlen, dann ist unser Spielzeug reduziert, ja. Aber wir dürfen nie die kindliche Fantasie außer Acht lassen, die
ja viel mehr Raum hat, wenn nicht alles vorgegeben ist. Fantasie ist ja ein wichtiger Lernmotor. Und solche Spiele sind nicht wechselnden Moden unterworfen. Mit dem Bauhaus-Bauspiel können Kinder auch heute noch in ihre Fantasiewelt eintauchen. Auch viele Erwachsene finden wieder Freude am Spiel.

Welchen Einfluss hat die Stilrichtung Bauhaus auf Spielzeug?

In dieser Phase wurden viele „Dinge“ vorzugsweise auf einfache geometrische Formen in der Verknüpfung mit der Funktion des Gegenstandes reduziert. So zerlegte Alma Siedhoff-Buscher einen lang gestreckten Quader in Würfel, Quader und Dreiecke. Ein lang gestrecktes Bogenelement weckt Assoziationen zu einem Schiffsrumpf, die Gegenformen erinnern an Segel. Wird dieses gedreht, kann man eine Brücke oder einen Hügel erahnen, die Segel werden zu stilisierten Tannen. Auch ein besonderes Merkmal jener Zeit war, den Dingen auf den Grund zu gehen. So experimentierte Ludwig Hirschfeld-Mack mit Kreiseln und austauschbaren farbigen Kartonscheiben. Aspekte der Farbenlehre lassen sich so spielerisch entdecken.

Warum sollte man Kindern schon Design beibringen? Oder anders gefragt: Muss man Kinder schon an Design heranführen?

Gutes Design macht Produkte wie gesagt brauchbar, interagiert mit dem Benutzer, hat eine ästhetische Ausstrahlung und ist langlebig. Ein Tannenzapfen ist auch ästhetisch und genial aufgebaut. Warum sollte man den Kindern so etwas vorenthalten? Die Natur ist ein fantastischer Gestalter. Es ist schön, wenn Kinder Zugang zu dieser Schatztruhe haben.

Wie spiegelt sich die berühmte Funktionalität des Bauhauses ganz konkret auch im Spielzeug wider?

Ein Paradebeispiel für die Visualisierung der Funktion sind die Bauhaus-Schachfiguren von Josef Hartwig. Er verknüpfte die Spielfunktionen der einzelnen Schachfiguren mit deren Form. Läufer ziehen diagonal, ein Würfel mit seitlichen Ausfräsungen zeigt optisch diese Form. Der Turm zieht horizontal und vertikal, also kann man ihn auf einen Würfel reduzieren. Die Dame als beweglichste Figur im Spiel wird durch eine Kugel auf einem Würfel ausgedrückt. Das einzig „Runde“ im Spiel, auch ein Sinnbild für die weibliche Form. Das Weglassen bzw. die Reduktion ist manchmal die größere Herausforderung bei der Gestaltung. Einfache und intelligente Formen erlauben viele Varianten im Spiel. Das Experimentieren war ja auch in der Ausbildung am Bauhaus wichtig.

 

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