Schüler lernen jetzt Zuhause. Das Stichwort Homeschooling ist derzeit in aller Munde. Sowohl für Kinder als auch Eltern ist das eine große Herausforderung. Aber wie gehen eigentlich Lehrer mit der Situation um? Und wie wirksam kann Homeschooling überhaupt sein? Wir haben mit Marina Buhles, Klassenlehrerin in einer fünften Klasse einer Gesamtschule über dieses Thema gesprochen.

Was oder wie arbeiten Lehrer zurzeit?

Marina Buhles: Das ist natürlich von Schule zu Schule und von Lehrer zu Lehrer ein wenig unterschiedlich. Bei uns sind im Wechsel immer zwei bis drei Lehrer in der Schule vor Ort, die die Kinder von den sogenannten „systemrelevanten“ Eltern und auch Alleinerziehenden betreuen. Die meiste Arbeit passiert aber momentan von Zuhause aus. Wir müssen Aufgaben stellen, austeilen, verwalten und versuchen stets für die Kinder erreichbar zu bleiben. Dazu benutzen wir verschiedenste Medien von Telefon, Mail bis hin zu Telefon-Chats und Sykpe. Zudem müssen wir uns auch um alle möglichen orangisatorischen Dinge kümmern, wie ausfallende Exkursionen oder Klassenfahrten.

Am wichtigsten ist es für uns momentan natürlich den Lernstoff für die Kinder zuhause so gut aufzubereiten, dass sie das auch gut hinbekommen. Das passiert teilweise am Telefon oder auch über selbstgedrehte Erklärvideos.
Dabei wissen wir, dass die Situation ganz besonders für die Eltern eine große Herausforderung darstellt. Sich überhaupt erst einmal durch die ganze Technik und Zettel durchzuwühlen und alles zu sortieren… Denn leider nutzt der eine Lehrer eben gerne Mail, der nächste lädt alles in die Dropbox und  der dritte benutzt vielleicht lieber Wetransfer.
Es gibt viele Kinder die das Glück haben, dass ihre Eltern nun viel Zeit für sie haben – von diesen Familien gibt es auch das meiste Feedback. Wieder andere Kinder sind komplett auf sich allein gestellt. Das alles zu koordinieren ist oft sehr schwierig.

Wie waren die ersten Tage mit virtuellem Unterricht?

Ganz besonders am Anfang gab es einige Anlaufschwierigkeiten. Ich als Klassenlehrerin bin quasi hauptverantwortlich und alle Kolleginnen und Kollegen sind plötzlich mit Fragen auf mich eingeprasselt. Zudem haben nicht alle Kinder die gleichen Voraussetzungen für einen effektiven virtuellen Unterricht.
Kinder, die also ohnehin schon sozial benachteiligt sind, spüren das jetzt erst Recht. Wer z.B. kein Smartphone hat, kann sich bestimmte Apps eben nicht runterladen. Und die Kinder, denen man ohnehin schon immer hinterherlaufen musste, denen rennt man jetzt immer noch hinterher.
Inzwischen haben wir uns aber alle gut eingespielt und es läuft von Woche zu Woche flüssiger. Durch regelmäßige Videochats und fortlaufende Kommunikation wurden die anfänglichen Hürden gut überwunden.

Wie kommt man am besten über den Tag mit Schulkindern daheim?

Wir sagen den Eltern immer, dass es hilfreich ist den Tagesablauf der Kinder gut zu strukturieren. Am besten ist ein Tagesablauf ganz ähnlich dem des „normalen Schulalltags“. Ein paar Belohnungen unterstützen die Motivation und können die Konzentration wieder anheben. Erst Mathe machen und danach kann man vielleicht zusammen einen Kuchen backen. Es ist wichtig, die Kinder ein bisschen zum Lernen zu locken und den Druck herauszunehmen.

Ein geordneter Arbeitsplatz der nach jeder Unterrichtseinheit neu aufgeräumt und sortiert wird, ist ebenfalls hilfreich.

Marina Buhles ist Klassenlehrerin der 5. Klasse in einer Gesamtschule. Foto: privat

Sollte man auch Pausen einplanen? Und wenn ja, wie viele?

Pausen sind sehr wichtig. Am besten nach jeder Unterrichtseinheit. Einfach zum Trinken oder kurz mal in den Garten gehen. Videospiele sollte man in der Zeit vielleicht nicht unbedingt anfangen, dann sind die Kinder oft völlig raus. Aber es ist wichtig für Kinder, den Kopf frei zubekommen und die Gedanken zu ordnen.

Wie können Eltern ihre Kinder im Grundschulalter jenseits der Schulbücher und Aufgabenblätter jetzt fördern?

Der restliche Tagesablauf sollte ähnlich gestaltet werden wie sonst auch. Natürlich sind Fußball AG’s oder Judo-Klubs derzeit nicht erlaubt. Aber Bewegung im Garten, basteln oder malen stellen ebenfalls ein tolles Nachmittagsangebot dar. Vielleicht kann man die Kinder auch mehr in den Alltag einbinden, indem man zum Beispiel gemeinsam Mittag essen kocht.

Bekannter Stoff lässt sich gut mit Arbeitsblättern wiederholen. Wie sieht es mit neuen Inhalten aus?

Das gestaltet sich in der Tat ein wenig schwierig. Ursprünglich war geplant, den Kindern vertiefende Aufgaben des bereits gelernten Unterrichtsstoffes zu geben. Aber das ist natürlich auch irgendwann erschöpft. Wir versuchen darum mit neuen Inhalten so kleinschrittlich wie nur möglich vorzugehen.

Ich lasse z.B. oft erstmal nur einen Merkkasten abschreiben, dann mache ich ein Erklärvideo, dann werden vielleicht Lücken ausgefüllt bis das Kind das System von ganz allein verstanden hat. Man kann z.B. auch nicht von den Eltern verlangen, dass sie immer den gesamten Unterrichtsstoff selber erklären können.
Sobald es wieder zurück in die Schule geht, wird der gesamte Lernstoff ohnehin erst einmal wiederholt, um zu prüfen auf welchem Stand die Kinder sich dann befinden.

Wird es später Tests geben?

Wenn dann nur um den Lernstand zu erfassen und nicht zur Benotung. Wir haben Glück, dass das erste Halbjahr bereits hinter uns liegt und wir bereits ein wenig Übersicht über den jeweiligen Bildungstand der Kinder gewinnen konnten.

Wo sehen Sie persönlich die Chancen der aktuellen Krise?

Positiv gesehen ist es toll, dass wir jetzt die Digitalisierung ein wenig mehr austesten können. Wir lernen jetzt, inwieweit man Lernplattformen auch für den Unterricht nutzen kann. Zudem werden die Kinder im Moment ganz gezwungener Maßen selbständiger. Sie müssen sich quasi selbst zum Lernen motivieren. So eine Haltung wird sich später sicher gut auf das weitere Leben auswirken.

Aus der Sicht der Lehrer ist es zudem eine Chance Lerninhalte noch einfacher und verständlicher aufzubereiten und neue Wege zu erkunden, Inhalt an Kinder zu vermitteln.
Und vielleicht lernen ja auch die Eltern ihre Kinder nochmal besser kennen? Viele Eltern bekommen jetzt zum ersten Mal hautnah mit, was ihre Kinder alles in der Schule leisten müssen und haben vielleicht zukünftig mehr Verständnis für ihre Bemühungen und Anstrengungen.

 

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