Schon wieder eine Fünf in Mathe und auch die Diktate laufen nicht wirklich glatt? In solchen Fällen schicken Eltern ihre Kinder gerne zur Nachhilfe. Aber ist das wirklich immer notwendig oder liegt der Grund für schlechte Noten vielleicht ganz woanders?

Laut einer repräsentativen Elternbefragung der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2016 bekommen in Deutschland rund 1,2 Millionen Schüler im Alter zwischen sechs und 16 Jahren regelmäßig Nachhilfeunterricht. Und es werden immer mehr. Joseph Kennedy, Lehrer, Pädagoge und Gründer der Nachhilfe Schule „Kennedy Schule“ sieht hier eindeutig einen Trend. „Es geht vielen Eltern inzwischen nicht mehr darum schulisches Scheitern zu verhindern, sondern das Kind unter allen Mitteln zum Abitur zu bekommen.“

Und tatsächlich werden bereits Grundschüler zur Nachhilfe geschickt. Denn spätestens in der vierten Klasse entscheiden die Noten darüber, ob es eine Empfehlung für eine höhere Schule gibt. Schon lange ist es kein Makel mehr, das Kind zum Nachhilfeunterricht zu geben. Viel peinlicher ist es nun, wenn das Abitur nicht mindestens mit einem „Gut“ bestanden wird.

Nachhilfe oder nur die falsche Schulform

Doch Kennedy warnt, Nachhilfe könne nur dann effektiv helfen, wenn Lerndefizite überschaubar sind. Die Ursache für schlechte Noten und schulisches Scheitern ist häufig „eine Überforderung der Kinder. Zum Beispiel durch die Wahl der falschen Schulform. Und diese Überforderung kann auch durch noch so viel Nachhilfe und Auswendiglernen nicht behoben werden.“
Kennedy erklärt, eine stetig wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen könne nur noch schlecht oder fast gar nicht mehr lesen und schreiben. Nachhilfe kann das bei viel Fleiß zwar kaschieren und das Kind schafft es unter Umständen auch bis zum Abitur. Aber ist das wirklich sinnvoll? Kennedy sagt dazu: „Mit sehr viel Nachhilfeunterricht ist es selbst Kindern mit ausgeprägter Legasthenie möglich bis zu 13 Punkte in Klausuren zu bekommen. Das Schulsystem funktioniert so, aber den Kindern ist damit nicht geholfen.“

Schon in der Grundschule wird inzwischen Nachhilfe in Anspruch genommen. Foto: Getty

Zusätzlich käme hinzu, dass das Problem der Überforderung und Lernschwächen der Kinder häufig gar nicht erkannt werden. Viele Eltern wollten nicht wahrhaben, dass ihr Kind mit der Schule und den Aufgaben überfordert seien. Dabei ist eine Lernschwäche nie mit einer Intelligenzschwäche gleichzusetzen. Kennedy erklärt: „Viele Lernschwächen sind tatsächlich angeboren. Oder entstehen durch biologische Risiken, wie zum Beispiel eine Frühgeburt. Auch Passungsprobleme auf Seiten der Bildungseinrichtungen und das Verhältnis zu Lehrkräften kann Auslöser für signifikant schlechte Noten sein.“

Lernschwäche oder einfach nicht fleißig genug?

„Echte Lernschwächen können schon früh erkannt werden, wenn Eltern und Lehrer aufmerksam sind. In der Regel sagt man, dass Kinder die in der zweiten Klasse noch ungewöhnlich stockend lesen und außergewöhnlich viele Fehler bei Diktaten machen eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben könnten. Die Dyskalkulie – die sogenannte Matheschwäche – erkennt man häufig schon vor der Einschulung. Kinder die ungewöhnlich viele Probleme damit haben, Verhältnisangaben wie mehr und weniger oder beim Abzählen von Gegenständen haben, können betroffen sein“, erklärt Kennedy. Er rät darum immer erst genau abzuklären ob nicht eine Lernschwäche vorliege, bevor man das Kind zur Nachhilfe schickt. Er gibt den Tipp sich immer erst zu fragen: Warum hat mein Kind Probleme? Was genau fällt ihm schwer? So weiß man besser, wo die Nachhilfe ansetzen muss und kann fragen, ob der Lehrer eine Empfehlung hat.

Wann ist Nachhilfe sinnvoll?

Eine klassische Nachhilfe ist in der Regel sinnvoll, wenn das Kind längere Zeit nicht mehr in der Schule war und damit einfach viel Lernstoff verpasst hat, oder aber wenn es mit einem bestimmten Thema in einem Fach einfach nicht zurecht kommt.

„Grundsätzlich ist es nämlich so, dass Kinder große Lust am Lernen haben“, erklärt Joseph Kennedy. Bereits Kleinkinder versuchten unablässig ihren Erfahrungsschatz zu erweitern und das auf spielerische Art und Weise. Genau diese Lust sollten auch die Eltern fördern und das Kind motivieren. Auch wenn es mal schlechte Noten nach Hause bringt.

„Kinder brauchen Sicherheit und Anerkennung“, so Kennedy. „Wenn ein Kind in der Mathearbeit eine schlechte Note bekommt, obwohl es sein Bestes gegeben hat, sollten die Eltern es für diese Anstrengung loben. Es sollte niemals die perfekte Leistung und das perfekte Abitur im Vordergrund stehen, sondern immer das Lernen an sich. Das, was die Kinder lernen, sollen sie auch wirklich verstehen dann macht es auch Spaß.“

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