In vielen Bundesländern haben zumindest teilweise die Schulen wieder geöffnet, Kitas ebenfalls. Oft sind Eltern in Sorge wegen der Corona-Gefahr. Wird die Infektionsrate nach der Schulöffnung wieder steigen? Der Kinder- und Jugendmediziner Dr. Angelo Aleo gibt Rat.

NRWs Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer ist sich sicher: „Wenn es um die Bildung unserer Kinder geht, zählt jeder Tag.“ In ihrem Bundesland haben daher seit Mitte Juni die Grundschulen wieder komplett geöffnet, dort gibt es nahezu Regelbetrieb. Ähnlich ist es in anderen Bundesländern. Auch die Kindergärten können vielerorts wieder besucht werden. Das wirft bei Eltern oft Fragen auf. Denn zu Beginn der Corona-Pandemie waren gerade kleine Kinder oft als Virenverbreiter verschrien. Nicht zuletzt wegen der vermeintlich hohen Ansteckungsgefahr wurden Kitas und Schulen wochenlang geschlossen.

Dr. Angelo Aleo ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Hamburg

Nach den ersten Erfahrungen mit Corona gibt es jedoch laufend neue Erkenntnisse. Dr. Angelo Aleo ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Hamburg. Er informiert über den aktuellen Stand der Dinge und darüber, wie gering die Gefahr aus seiner Sicht ist.

Nur wenige Kinder erkranken schwer

„Nach aktuellem Stand ist der Anteil von Corona-erkrankten Kindern sehr gering“, sagt Dr. Aleo. Laut dem Kinderarzt sind weniger als zwei Prozent aller Erkrankten, die an Corona-Symptomen leiden, jünger als zehn Jahre. Ein Blick auf die Sterblichkeitsraten zeigt, dass das Corona-Virus junge Menschen verschont. Von den über 8.700 Corona-Todesfällen Mitte Juni waren drei Verstorbene unter 19 Jahre alt. „Den höchsten Peak an Todesfällen gibt es bei der Bevölkerungsgruppe zwischen 80 und 89 Jahren“, so Dr. Aleo. 3.915 Personen in dieser Altersklasse waren bis Mitte Juni an Covid-19 gestorben. Neue Zahlen deuten laut Dr. Aleo darauf hin, dass Kinder weniger infektiös seien. Hier ist der Mediziner allerdings vorsichtig, da diese Studie zum Zeitpunkt des Lockdowns erfolgte. „Man sollte auf weitere Studien warten, um ein definitives Ergebnis zu erhalten. Es deutet sich aber an, dass die Infektion bei Kindern viel, viel milder verläuft als bei Erwachsenen.“

Das sind die Corona-Symptome bei Kindern

Für den Mediziner Aleo ist es eine Herausforderung, Corona bei Kindern zu diagnostizieren. „Die Symptome sind so unspezifisch, die sehen wir jeden Tag hundertmal in unserer Praxis. Das kann auch alles andere sein.“ Zu den häufigsten Corona-Symptomen bei Kindern zählen Fieber (67 Prozent) und obere Atemwegsinfektionen (41 Prozent). Aber auch Magen-Darm-Beschwerden (17 Prozent) können eine solche Infektion begleiten oder auch eine Bronchitis oder Bronchiolitis (16 Prozent). Viele Kinder sind trotz Covid-19-Erkrankung auch komplett symptomfrei. Aleo kann die Eltern beruhigen, die sich aufgrund von Vorerkrankungen Sorgen um ihre Kinder machen. Bei Corona gelten nur wenige wirklich schwerkranke Kinder als relevante Risikogruppen. „Das sind im Bereich Lunge zum Beispiel Kinder die schwersterkrankt sind wie an Mukoviszidose und die Sauerstoffgabe brauchen. Es sind nicht Kinder, die vor drei Jahren mal eine Lungenentzündung durchgemacht haben. Asthma ist auch kein Risikofaktor für Kinder, wenn es gut im Griff ist.“

Viele Eltern machen sich Sorgen, nachdem Schulen und Kitas wieder öffnen | Bild: Getty

Geht vom Schul- und Kitastart eine Gefahr aus?

In vielen Bundesländern hat der Restart von Kitas und Schulen nach Corona zunächst mit deutlich kleineren Gruppen begonnen. „Das hat die Infektionszahlen nicht nach oben getrieben“, so Dr. Aleo. Wie es bei einem kompletten Regelbetrieb aussieht, bleibt abzuwarten. „Was man aber weiß, ist, dass in Familien, die Covid-19 Erkrankungen haben, die Ansteckung eher von den Erwachsenen ausgeht.“ Wer Sorgen hat, ob sich sein Kind infiziert haben könnte, hat mehrere Optionen. „Erste Anlaufstelle sollte der eigene Kinderarzt sein“, erläutert Dr. Aleo. Allerdings sollte die Kontaktaufnahme per Telefon oder Mail erfolgen. Wer mit einem vermeintlich erkrankten Kind in die Praxis geht, riskiert, dass unter Umständen weitere Personen angesteckt werden. Auch der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116117 kann helfen. Zudem gibt es immer mehr Anbieter von telemedizinischen Angeboten. Hier wird ein Arzt auf den Computer oder das Smartphone zugeschaltet und kann so seine Einschätzung geben.

Wer erhält einen Corona-Test?

Lange galt, dass nur, wer Symptome zeigt und Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, auch auf Covid-19 getestet wurde. Nun haben Ärzte deutlich mehr Spielraum. Es können auch Tests bei bloßen Erkältungssymptomen durchgeführt werden. Zudem sind Reihentests zum Beispiel in Kitas, Altenheimen oder Unternehmen möglich. Das wurde unter anderem bei den Corona-Ausbrüchen in fleischverarbeitenden Betrieben gemacht. Auch wer von der neuen Corona-Warn-App benachrichtigt wurde, kann sich testen lassen. Letztendlich entscheiden der Arzt oder das zuständige Gesundheitsamt, ob ein Test erfolgt. Je nach Stadt oder Kreis ist es unterschiedlich, wo der Test abgenommen wird. Viele Eltern fragen sich auch, ob sie oder ihr Kind bereits eine Corona-Infektion durchgemacht haben. Von Antikörpertests rät Dr. Aleo jedoch ab. „Man braucht Abstand von mindestens zwei bis drei Wochen, bis Antikörper nachgewiesen werden können. Es gibt eine Studie, die sagt, 30 Prozent dieser Antikörpertests sind falsch negativ. Man weiß auch nicht, ob man immun ist, wenn man Antikörper hat.“

Diese Adressen können weiterhelfen:
Du möchtest dich über die aktuelle Situation der Corona-Pandemie informieren? Oder bist auf der Suche nach konkreten Tipps für dich und dein Kind? Oder du hast Sorge, weil in eurem Umfeld Erkrankungen aufgetreten sind? Wir haben einige hilfreiche Adressen herausgesucht.
Informationen zum Corona-Virus hat das Bundesgesundheitsministerium unter www.zusammengegencorona.de zusammengestellt.
Die aktuellen Zahlen der Corona-Erkrankten nach Bundesland findest du beim Robert-Koch-Institut (bitte verlinken zu https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Fallzahlen.html)
Wenn du vermutest, dich angesteckt haben zu können: Rufe deinen Hausarzt an oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117
Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland informiert telefonisch unter (0800) 011 77 22 zum Coronavirus

Bildquellen:
Teaser Startseite: Julia M Cameron von Pexels
Slider: Gettyimgaes
Dr. Aleo: Dr Aleo