Spätestens die Corona-Krise hat gezeigt, dass anderes Lernen nötig und möglich ist. Über 6.000 Teilnehmer haben beim Wettbewerb #wirfürschule Ideen für die Schule von morgen entwickelt.

Eine Plattform, die Lehrer für digitalen Unterricht fit macht? Ein Tool, mit dem Ehrenamtliche online Schülerfragen beantworten können? Oder Support bei der Anschaffung und Wartung von IT für Schulen, Schüler und Lehrer? Was klingt, wie Szenen aus einer anderen Schulwelt, sind Siegerprojekte des Hackathons #wirfürschule. Über 6.000 Teilnehmer haben im Juni eine Woche lang ihre Ideen ausgearbeitet und 216 Projekte eingereicht.

Anja Karliczek | Bild: Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF / Laurence Chaperon

Organisiert wurde der Wettbewerb vom Verein Digitale Bildung für Alle e.V. und der Lehrer-Community lehrermarktplatz.de. Querdenken war dabei angesagt, erläutert Schirmherrin und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek: „Denn neue Ideen können allen für Schule Verantwortlichen dabei helfen, das neue Schuljahr in der Corona-Pandemie besser zu gestalten.“ Die Ministerin zeigte sich begeistert vom Engagement der teilnehmenden Eltern, Schüler und Lehrer: „Sie alle stecken jetzt beim Schul-Hackathon ihre Köpfe zusammen und sammeln gemeinsam mit Programmiererinnen und Programmierern und Kreativen Vorschläge für einen Unterricht von morgen.“

Schulen brauchen eine bessere Technik und neue Lernmethoden

Denn die Corona-Krise und der monatelange Heimunterricht haben offenbart, woran Deutschlands Bildungswesen krankt. Es gibt kaum digitale Lösungen. Online-Unterricht war vielerorts Mangelware. Eltern und Schüler waren bei der Bewältigung des Unterrichtsstoffes meist auf sich allein gestellt. Zudem wurde im Elternhaus oft eine digitale Ausstattung vorausgesetzt, die längst nicht überall vorhanden war. Gründe genug für Verena Pausder vom Verein Digitale Bildung für Alle e.V., den Hackathon #wirfürschule ins Leben zu rufen. „Bei allem Engagement vieler Lehrer/innen, Schulleiter/innen und Eltern in dieser Coronakrise haben die letzten Monate die Schwächen unseres Schulsystems aufgezeigt. Wir brauchen nicht nur eine verbesserte technische Ausstattung, sondern auch schlanke Prozesse, neue pädagogische Ansätze und clevere didaktische Konzepte.“ Sie spricht sich dafür aus, „ aus diesen Erfahrungen zu lernen und die Kräfte zu bündeln für eine gute und zukunftsgewandte Schule von morgen.“ Dafür haben Pausder und ihr Team in kürzester Zeit eine Marathon-Leistung auf die Beine gestellt.

Diese Umfrage zeigt an, wo Eltern sich Verbesserungen wünschen.

Engagierte Teilnehmer schickten 22.000 Nachrichten pro Tag

So entwarfen die Organisatoren neun Themenfelder, zu denen die Teilnehmer Lösungen erarbeiten konnten. Dabei ging es zum Beispiel um die sinnhafte Verzahnung von Präsenzunterricht und Homeschooling, die Aus- und Fortbildung von Lehrern oder um Bildungsgerechtigkeit. Übergeordnete Leitfragen des Wettbewerbs waren unter anderem „Wie kann auch im Homeschooling ein Gemeinschaftsgefühl und Teamarbeit entstehen?“, „Wie können wir sicherstellen, dass Inklusion und Teilhabe immer mitgedacht werden, wenn digitale Lösungen erarbeitet und erprobt werden?“ oder auch „Wie können wir personellen IT-Support an Schulen kurzfristig sicherstellen und langfristig professionalisieren?“. Täglich schickten sich die Teilnehmer rund 22.000 Nachrichten. In den über 300 Kanälen auf der Kommunikationsplattform Slack erarbeiteten sie 216 Lösungen. Diese nahmen anschließend über einhundert Coaches in einer Vorrunde unter die Lupe. In einer zweiten Stufe wählte daraus die Hauptjury, der auch Lehrer und Schüler angehörten, die 15 besten Einreichungen aus.

 

Beim Homeschooling wurden die digitalen Defizite des Schulsystems deutlich | Bild: Gettyimages

Tolle Ideen wie alternative Beurteilungen

Zu den Siegerprojekten gehört unter anderem die Nachhilfe-Plattform naklar.io, die von zehn Studierenden entworfen wurde. Hier haben Schüler die Möglichkeit, ehrenamtlichen Tutoren ihre Schulfragen zu stellen. Diese können dann umgehend per Chat, Audio oder Online-Tafel geklärt werden. Damit soll Schülern unabhängig von den familiären Rahmenbedingungen eine passende Hilfestellung geboten und Eltern bestmöglich entlastet werden.

Melanie Dries ist Vorständin im Verein „Digitale Bildung für alle“. Ihr haben diese drei Siegerprojekte besonders gut gefallen: „Ich bin ein großer Fan von „In Data We Trust?“. Das Projekt vermittelt die komplexen und zukunftsweisenden Themen Big Data und KI mit spielerischen Elementen und macht sie so schon für Schüler*innen greifbar. Großartig finde ich auch Chatbot „Botty“, der Kindern und Jugendlichen in Notsituationen helfen möchte. Und „My Badges“ gefällt mir sehr gut. Das Projekt macht Begabungen und Kompetenzen abseits des regulären Notensystems sichtbar und zeichnet sich aus durch eine neue Denkweise in der Bewertung von Lernerfolg.“

Die ersten Projekte könnten schon in den Sommerferien umgesetzt werden

Ziel ist es, dass die ersten Projekte bereits im kommenden Schuljahr laufen. Dafür erhalten die Sieger sowohl finanzielle Unterstützung als auch den Support von Mentoren. Aber auch der gemeinsame Wille, vor allem auch aus der Politik, ist nötig. Schließlich gilt es, oft jahrzehntelang eingefahrene Strukturen aufzubrechen und mit kreativen Ideen zu optimieren. Melanie Dries: „Das muss einhergehen damit, dass digitale Standards wie WLAN und Geräte sichergestellt sind. Das braucht aber auch den Mut, Bildung neu und zukunftsgerichtet zu denken. Die Lehrpläne auszumisten beispielsweise, damit wir Freiräume schaffen für den Erwerb von Zukunftskompetenzen wie Kreativität und Experimentierfreude, Teamarbeit und Hilfsbereitschaft, für Werte und Haltung. Denn auch das hat die Corona-Krise gezeigt: Bildung umfasst nicht nur Wissen und Können, sondern auch Herz und Charakter. Unterm Strich muss es darum gehen, dass wir unsere Kinder in den mehr als 100.000 Stunden, die sie bis zum Abitur zur Schule gehen, auf die echten Herausforderungen dieser sich so rasch verändernden Welt vorbereiten.“