Würdet ihr eurer gerade einmal sechsjähriges Kind in einer Großstadt wie Berlin alleine zur Schule gehen lassen? Wahrscheinlich nicht. Kann ja schließlich eine Menge passieren. Unter Umständen tuen wir unseren Kindern mit diesen Gedanken gar keinen Gefallen und verzögern ihre Entwicklung hin zur Selbständigkeit.

Andere Länder, andere Sitten: In Japan gehören Kleinkinder, die große Straßenkreuzungen allein überqueren oder mit dem Zug ganz selbstverständlich ohne Begleitung in den Kindergarten fahren, zum Alltag. In der seit über einem Vierteljahrhundert wohl beliebtesten TV-Show des Landes, „Hajimete no Otsukai“ – zu Deutsch etwa „Meine erste Besorgung“ –, werden Kinder mit einem Durchschnittsalter von zwei bis fünf Jahren sogar allein losgeschickt, um selbstständig in großen Supermärkten Dinge wie Fisch, Kiwis oder Toilettenpapier zu besorgen. Für japanische Eltern ist das ganz normal. Eigenverantwortung übernehmen ist ein essenzieller Bestandteil der Kultur und wird so früh wie möglich vermittelt.

Kinder alleine zur Schule schicken?

In Deutschland hingegen ist das Bild eines dreijährigen Jungen, der am Sonntagmorgen beim Bäcker ganz allein Brötchen kauft oder mit dem Fahrrad im Straßenverkehr ohne Begleitung zur Schule fährt, undenkbar.
Hier spielt sich jeden Morgen das gleiche Bild ab: Mit dem Auto wird am liebsten direkt vor der Schule geparkt, auch wenn das ein Verkehrschaos zur Folge hat. Dann wird das Kind möglichst bis an seinen Platz ins Klassenzimmer geführt. Einer schwedischen Studie zufolge sorgt dieses elterliche Verhalten nicht nur für Chaos vor dem Schultor, sondern schwächt unter Umständen das Selbstvertrauen der Kinder verzögert unter Umständen sogar ihre natürliche Entwicklung.

Schrittweise Entwicklung zu mehr Selbständigkeit

Schulpsychologe a.D. Klaus Seifried erklärt die Thematik wie folgt: „Sobald Kinder auf die Welt kommen, findet ein Abnabelungsprozess statt. Selbst die Geburt an sich ist bereits eine Art der Abnabelung von der Mutter. Irgendwann fängt das Kind dann an zu krabbeln, und schließlich kann es laufen, sich verstecken, sich alleine ein Brot belegen oder die Schultasche packen. Mit jedem Lebensabschnitt entwickelt es sich schrittweise zu einem eigenständigen Menschen, der altersgemäß Verantwortung für sich selbst übernehmen kann.“

Die eigene Angst nicht auf Kinder übertragen

Kinder wollen selbstständig sein, das gehört zu ihrem „Bauplan“. Sie wollen sich alleine die Schuhe zubinden, kleine Besorgungen machen oder eben auch allein zur Schule gehen. Eltern, die ihren Kindern diese Verantwortung bewusst oder unbewusst abnehmen, entmutigen damit den Nachwuchs und senden ihm unter Umständen eine gefährliche Botschaft: Das traue ich dir allein nicht zu, dabei brauchst du Hilfe. „Unbewusst übertragen Eltern ihre eigenen Ängste auf ihre Kinder. Vielleicht hat das Kind gar keine Furcht auf dem Klettergerüst, aber wenn die Mutter die ganze Zeit danebensteht und ihm zuruft, vorsichtig zu sein, entwickelt es natürlich Angst davor. Besser wäre es doch, wenn die Mutter ihrem Kind in solchen Situationen zeigt, wie es richtig greifen muss, um sich festzuhalten“, erklärt Seifried.  Viele Kinder können nämlich durchaus selbst einschätzen, was sie können und was nicht. Deshalb behindern die sogenannten Helikoptereltern die Entwicklung ihrer Kinder eher, als dass sie ihnen helfen.

Auch die Montessori Lehre setzt auf das Prinzip „Hilf mir es selbst zu tun“ und setzt mit den „Übungen des täglichen Lebens“ einen wichtigen Grundstein für die Selbstständigkeit eines Kindes.

Kinder lernen selbständig Gefahren zu erkennen

Klar, der Wechsel von Kindergarten zur Schule ist für die Kleinen ein großer Schritt. Klaus Seifried rät Eltern von Erstklässlern in spe darum , den Weg zur Schule vor dem ersten Schultag ruhig mehrmals mit ihrem Kind gemeinsam abzugehen und sich beim zweiten oder dritten Mal vom Kind führen zu lassen. So können sowohl Eltern als auch Kinder die bevorstehende Situation und ihr eigenes Können einschätzen. Das Elternargument, Schulwege zu Fuß seien viel zu gefährlich, widerlegen übrigens sowohl der ADAC als auch die Deutsche Verkehrswacht mit Statistiken. Demnach verunglücken die meisten Kinder im elterlichen Auto, nicht als Fußgänger auf dem Schulweg.

Selbständig die Umgebung erkunden

Kinder, die immer gebracht würden, hätten sogar häufig Probleme im Verkehr, da sie nicht lernen konnten, Gefahrensituationen einzuschätzen und sich mit anderen Verkehrsteilnehmern zu verständigen.
Zugleich seien die Kinder, die alleine zur Schule gehen, im Unterricht besser drauf und konzentrierter, fitter und sozial besser integriert. Denn im Gegensatz zu den anderen haben sie die Möglichkeit, ihre Umgebung auszukundschaften, Umwege und Hinterhöfe zu erkunden, mal einen Abstecher zum Kiosk zu machen. Und sie sind häufig auch mit Freunden in der Gruppe unterwegs. Alles wichtig für die Entwicklung, befindet Seifried. „Gehen Kinder allein zur Schule, schaffen sie sich ihren eigenen kleinen Lebensraum, den sie mit ihren Freunden entdecken.“

Mehr Vertrauen in Kinder

Noch in den 1970er-Jahren machten sich mehr als 90 von 100 Grundschülern in Deutschland allein auf den Weg zur Schule. Im Jahr 2012 war es einer Forsa-Umfrage zufolge nur noch jeder zweite, laut anderen Umfragen inzwischen nur noch jeder dritte Grundschüler. Der Grund dafür? Die Eltern haben einfach mehr Zeit. Kinder sind nicht einfach „nur da“ und gehören zur Familie. Sie wollen gefördert werden – und natürlich will man als liebende Mama und als liebender Papa alles richtig machen.
„Eltern lieben ihre Kinder und wollen ihnen deshalb Gutes tun. Aber Eltern, die ihre Kinder zu sehr verwöhnen und alles abnehmen, behindern das Kind in seiner Entwicklung zur Selbständigkeit. Kinder müssen lernen, dass sie Dinge auch alleine bewältigen können und dass es Dinge gibt, für die sie sich anstrengen müssen, um sie zu erreichen“, meint der Experte.

Allein kleine Aufgaben übernehmen

Zurück nach Japan. In „Hajimete no Otsukai“ werden auch die Mütter und Väter befragt, was ihnen durch den Kopf geht, wenn sie ihre Kinder zum ersten Mal alleine zum Einkaufen schicken. Und fast alle sagen das Gleiche: Sie haben natürlich Angst, dass den Kleinen unterwegs etwas zustoßen könnte. Aber sie sagen gleichzeitig auch, dass sie dabei nur über sich sprechen und ihren Kindern vertrauen. Sie also Dinge, die sie bereits selbst tun können, auch selbst tun lassen. Denn auch eine Zweijährige kann schon – mit ein paar Unterbrechungen –  die ein oder andere kleine Besorgung erledigen.