Das tägliche Quentchen Inspiration: Neben erwachsenen Bloggern geben heute bereits Kinder die Trends von morgen an. Doch wer oder was steht wirklich hinter den teils millionenschweren Accounts der sogenannten Kidfluencer?

Der erste Geburtstag, der erste Fahrradversuch, der erste Familienurlaub – aus purem Stolz über die Entwicklungen des eigenen Kindes wird geshootet, gefilmt und schließlich gepostet. Momente, die akribisch festgehalten und für immer im Netz geteilt werden. Während sich einige Eltern die privaten Aufnahmen für den familiären Kreis aufheben, teilen andere die persönlichen Bilder auf Instagram, Facebook & Co. Die Berlinerin Toyah Diebel rief kürzlich unter dem Hashtag #deinKindauchnicht zu mehr Verantwortung im Netz auf. Diebel kritisierte im Zuge dessen die fehlende Medienkompetenz der Eltern. Kinder hätten in diesem Alter keine Entscheidungskraft und wären zu den Aufnahmen gezwungen, die auch in späteren Jahren noch im Netz kursierten. Das Internet vergesse schließlich nicht. „Eltern, die Fotos ihrer Kinder posten, ignorieren, missbilligen und missbrauchen deren Recht auf Privatsphäre“, so Diebel in einem Interview mit ze.tt. Natürlich wollen die Eltern ihren Kindern damit nicht bewusst schaden – ignorieren aber laut Diebel, ob bewusst oder unbewusst, die Konsequenzen. Um auf die Medienverantwortung aufmerksam zu machen, stellte die Berlinerin peinliche Kinderfotos mit Erwachsenen nach: nackt auf dem Töpfchen, mit Brei verschmiert oder an der Brust der Mutter. Diebel wollte damit wohl beim Betrachter ein Gefühl von Unbehagen auslösen und Eltern verdeutlichen, dass sie ihren Kindern die Entscheidung, im öffentlichen Raum zu stehen, nicht abnehmen können. Innerhalb weniger Minuten löste die Kampagne eine Flut an kontroversen Meinungen und Kritiken aus. Diebel wurde von zahlreichen Mumbloggern und Influencern des Mom-Bashings bezichtigt. Besonders und gerade deshalb, weil sie selbst noch keine Mutter sei. Dies wies Diebel jedoch zurück, sie sei schließlich auch mal ein Kind gewesen und hätte derartige Bilder von sich auch nicht gewollt.

Kidfluencer: Eigenmotivation oder Fremdbestimmung?

Für die meisten ihrer rund 686.000 Follower ist die Japanerin Coco eine echte Stilikone. Seit die mittlerweile Achtjährige denken kann, spielt sie gerne Verkleiden, schlüpft in neue Rollen und liebt Mode. Mit einem kleinen Unterschied zu ihren Klassenkameraden: Statt sich in Disney-Looks zu hüllen, trägt Coco am liebsten Vintagemode gepaart mit High-Fashion-Brands wie Gucci oder Balenciaga. Eine Kombinationsfreudigkeit, die Mama Misato gerne mit dem Rest der Welt teilt. Doch woher rührt Cocos untrügliches Gespür für Stil? Es scheint kein Zufall zu sein, dass ihre Eltern einen der beliebtesten Vintageläden im Herzen Tokios führen. Cocos Bilder gelten als die perfekte Marketing-Kampagne für den stylishen „Funktique“-Store im beliebten Harajuku-Viertel. 2011, nach der Flut in Fukushima, richtete sich das Paar in der Gegend ein, die für ihren außergewöhnlichen Street-Style bekannt ist. „Wir haben den Laden eröffnet, als Coco gerade mal zwei Jahre alt war. In Harajuku sind alle sehr stylish gekleidet – und das von Kopf bis Fuß. Das hat sie schon als Baby gesehen, deshalb war es ganz natürlich, dass sie sich selbst auch für Mode interessieren würde“, so Misato gegenüber der US-amerikanischen Elle. Ist Coco demnach selbst für ihr außerordentlich beliebtes Image verantwortlich? Laut Misato wählt sie zumindest aus mehreren Optionen aus, die ihr die Eltern vorlegen, bevor ein Foto veröffentlicht wird. Auch in der Nachbearbeitung hat Coco ein Wörtchen mitzureden und bestimmt eigenständig sämtliche Korrekturen und Filter. Ob von den Eltern bestimmt oder selbstkreiert, das Kind hat einen grandiosen Geschmack. Inwieweit sich dieser in Zukunft hält, wird sich spätestens in der Pubertät zeigen. Wenn Coco ihren eigenen Willen durchsetzt und sicherlich komplett selbst über ihre Outfits entscheiden will.

 

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@gucci opening party??? in @parco_shibuya_official

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Der Instagram-Kanal als Familienunternehmen

Wenn bereits Mama und Papa erfolgreich auf YouTube & Co. sind, liegt es nicht fern, dass der Nachwuchs in ihre öffentlichen Fußstapfen tritt. Das lässt sich auch bei Emma und Mila Stauffer verfolgen. Die beiden Schwestern posieren und verhalten sich augenscheinlich wie ganz Große. Hinter ihnen steht das berühmte Ehepaar Stauffer, das selbst ganz oben bei YouTube mitspielt. In den veröffentlichten Beiträgen sehen wir Tochter Mila über Kaffee philosophieren und furchtbar erwachsene Dinge sagen wie: „Coffee first, coffee for life.“ Fremdbestimmte, leere Phrasen, die häufig kritisiert werden. Hat das Kind keine eigenen Interessen? Keine eigene Meinung? Kein Leben?, so heißt es in den Kommentaren.  Als Jorge Narvaez gemeinsam mit seiner Tochter Alexa den Song „Home“ von Edward Sharpe coverte, ging das Video innerhalb weniger Stunden um die ganze Welt. Zu niedlich war das Duett, das die perfekte Papa-Tochter-Beziehung darstellte. Ein Video, das die beiden auf einen Schlag berühmt machte und die Türen für so manchen TV-Auftritt (unter anderem bei Ellen DeGeneres!) öffnete. Selbst heute, rund neun Jahre später, ist der YouTube Channel der beiden aktiv und kann sich über eine halbe Million Abonnenten freuen. Der wohl beste Einstieg in die Medienwelt, sollte Teenietochter Alexa irgendwann den Wunsch hegen, zum Beispiel in der Musikbranche mitzumischen.

 

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?They work out ? P.S. @lunchwithlily fell for an @instagram ad on this chair thing but she likes it guys. She really does ?

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Kidfluencer sind neue Role-Models

Auf ihrem Blog „Mini Style Hacker“ präsentiert US-Amerikanerin Collette Wixom die neuesten Trends der Männermode, getragen von ihren Söhnen. Vor rund fünf Jahren rief die Dreifach-Mutter Collette die Seite ins Leben, um den Beweis anzutreten: Auch Jungs können stilvoll gekleidet sein und sich für Mode interessieren. Unter dem Motto “You don‘t have to be rich to have style“ zeigt Collette, dass es nicht viel (vor allem nicht viel Budget) braucht, um seine Kinder stylish und zeitgemäß zu kleiden. Ihre Mode-Tipps, Rezensionen und Street-Styles haben mittlerweile internationale Medienpräsenz und eine globale Fangemeinde. Mit rund 296.000 Followern zählt @ministylehacker zu einem der international bekanntesten Kindermodeblogs und macht dem Jungsblog @princeandthebaker deutlich Konkurrenz. Prince‘ Mama Keira ist Bäckerin und zeigt ihren kleinen Sohn – oder sollte man besser sagen „Prinzen“ – in teuren Designermarken und stylishen Kombinationen. Doch wo hört die Bevormundung durch die eigenen Eltern auf und wo beginnt eigenes Stilbewusstsein?

Eine Investion in die Zukunft?

Haileigh Vasquez ist ein echtes Modevorbild für viele Kinder, aber auch Erwachsene. Die Siebenjährige steht Modell für große Luxus-Stores wie Childrensalon oder Designerbrands wie Marc Jacobs. Ihre rund 127.000 Instagram-Fans lieben den unkonventionellen, wenn auch recht kostspieligen Stil der Lateinamerikanerin. Denn Burberry oder Dolce&Gabbana zählen zu den vielen Lieblingsmarken der Influencerin. Wenn Haileigh einmal groß ist, will sie in die Fußstapfen von Legende Karl Lagerfeld treten und Modedesignerin werden. Bereits seit ihrem dritten Lebensjahr fotografiert Mutter Zulay ihre Tochter Haileigh und teilt die Bilder im Internet. Doch was passiert mit all den Werbeeinnahmen und Modekooperationen? Laut Zulay gehen rund 15 Prozent des Geldes, das Haileigh verdient, in einen Treuhandfonds. Der Rest wandert direkt auf das Sparkonto der Tochter. „Wenn sie irgendwann entscheidet, dass sie das nicht mehr weiterverfolgen will, dass sie zum MIT oder nach Harvard gehen will, hat sie die Mittel, das Studium zu bezahlen“, so Zulay gegenüber dem Onlinemedium „Latintrends“. Kritiker behaupten wiederum, Zulay nutze ihre Tochter aus, verdiene viel Geld mit dem Äußeren des Kindes. Für die Familie sei es lediglich ein Hobby, das zufällig auch Geld bringe, so Zulay. Zudem stärke die Social- Media-Präsenz das Selbstbewusstsein der Achtjährigen. „Ich denke, ich habe sie für die Zukunft gut vorbereitet und ihr Selbstbewusstsein geschenkt. Sie sieht sich selbst an und behauptet von sich selbst: ‚Ich bin wunderschön.‘ Das ist doch der erste Schritt, um sie zu einer selbstbewussten jungen Erwachsenen zu machen“, erklärt Zulay Vasquez.

Schutzmaßen ergreifen

Die ständige Online-Aktivität und Medienpräsenz kann aber auch Gefahren bergen. Unter all den Followern können hin und wieder auch Menschen sein, die nicht jedes Bild mögen oder keine Fans der Influencer sind. Auch auf Shitstorms oder digitale Angriffe sollten die Kinder gut vorbereitet sein. Vasquez erklärt, sie ergreife bestimmte Maßnahmen, um für den Schutz ihrer Tochter zu sorgen und poste nur ein paar Mal pro Woche, markiere dabei nie ihren Standort, damit dieser nicht nachzuverfolgen sei. Und wenn Haileigh mal keine Lust mehr hat, Social-Media-Star zu sein? „Wenn sie sagt, sie will das nicht mehr, dann unterstütze ich sie zu 100 Prozent.“ In den letzten Jahren schloss das erfolgreiche Mama-Kind-Duo einen Vertrag mit Target ab, um seine eigene Bekleidungslinie und Accessoires-Marke zu etablieren. Fraglich bleibt, wie locker die Vertragspartner Haileighs eigene Meinung sehen.

Bewusster Umgang mit Kinderbildern

Damit private Bilder nicht in falsche Hände geraten, rät das Deutsche Kinderhilfswerk zum bewussten Umgang mit Kinderfotos. Eltern können vorbeugen, indem sie ihre Privatsphäre- und Sicherheitseinstellungen auf Facebook und Instagram überprüfen. User haben dort die Option, die Zielgruppe von Alben und Fotos einzuschränken, auch nachträglich. Übrigens: Sobald ein Kind 14 Jahre alt ist, müssen die Erwachsenen sogar um dessen Einverständnis bitten, bevor sie ein Foto posten. Gesichter können außerdem unscharf gemacht oder durch Emojis verdeckt werden. Unbedenklich sind auch Bilder, auf denen die Kinder nur von oben oder von hinten zu sehen sind. Eltern sollten beim Posten darauf achten, nicht zu viele personenbezogene Daten anzugeben und niemals den vollständigen Namen des Kindes im Zusammenhang mit seinem Foto zu nennen. Das Ziel: Ein bewusster Umgang mit sensiblen Daten, der es schwieriger macht, die Fotos über Suchmaschinen zu finden.