Dass Kinder im Alltag unzählige Fragen stellen und über alles und jeden Bescheid wissen wollen, ist bekannt. Gerne gebe ich tagein, tagaus zu jedem Thema Auskunft und freue mich über die Wissbegierigkeit meiner Kleinen. Dass meine vierjährige Tochter mich auf dem Weg zum Einkaufen ohne ersichtlichen Grund fragt, wie denn die Babys in den Bauch kommen, hat mich das erste Mal seit langem zögern lassen.

Selbstverständlich ist das eine ganz natürliche und legitime Frage, doch ehrlich gesagt habe ich erst später damit gerechnet und mir war nicht sofort klar wie ausführlich ich darauf antworten sollte. Aber wann ist denn nun der richtige Zeitpunkt für die Aufklärung und wie detailliert sollte man dabei vorgehen? Experten raten, möglichst früh mit der Aufklärung anzufangen – doch was heißt das?

Je früher desto besser

Zuerst sollte man damit beginnen, Aufklärung nicht als einmaliges Gespräch anzusehen, sondern als ständigen Bestandteil der Erziehung. Und auch, wenn Fragen rund um die Sexualität vielleicht seltener sind als andere und bei dem ein oder anderen Befangenheit auslösen, verdienen sie genauso wahrheitsgemäß beantwortet zu werden. Aufklärung kann von Anfang an beiläufig geschehen. Eine offene Gesprächskultur innerhalb der Familie ist die perfekte Basis dafür.

Wo komme ich her?

Ab zwei Jahren beginnen Kinder körperliche Unterschiede wahrzunehmen. Ab circa drei Jahren werden alle Themen rund um Zeugung, Geburt und Sexualität spannend. Sexualität hat auch immer etwas mit Herkunft zu tun. Genau deshalb ist dieses Thema für kleine Kinder schon so interessant. Da in dieser Zeit oft auch das erste Geschwisterchen unterwegs ist, fragen sich natürlich schon Kindergartenkinder, wie das funktioniert und stellen entsprechende Fragen. Das ist genau der richtige Zeitpunkt, um mit einer altersgemäßen Aufklärung zu beginnen.

Spätestens, wenn ein Geschwisterkind unterwegs ist, stellen Kinder die ersten Fragen | Foto: Getty Images

Dem stimmen auch Almut Weise und Andreas Ritter, Diplom Sozialpädagogen & Sexualpädagogen bei pro familia, zu: „Kinder entdecken ihren Körper und die Welt. Unterstützt die Neugier eurer Kinder mit Informationen und altersgerechten Büchern und überlegt, welche Themen ihr mit euren Kindern besprechen möchtet, bevor sie Informationen von anderen erhalten. Kinder interessiert das Thema mit all seinen Facetten: Wo komme ich her? Wie kann ich ein Geschwisterkind bekommen? Warum haben die Eltern Haare im Intimbereich? Was ist der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen? Warum hat ein anderes Kitakind zwei Mütter oder Väter? Kann ich selber später Mutter oder Vater werden? usw.“

Kinder haben von Natur aus ein entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper und zu Sexualität, weshalb man sie problemlos mit den wichtigen Informationen füttern kann. Das Beantworten der Fragen sollte nicht vertagt werden, da sonst das Gefühl entsteht, dass solche Themen unangebracht sind. Eltern dürfen dabei ihre Erwachsenensexualität nicht mit der kindlichen Sichtweise auf das Entdecken des Körpers vergleichen und sollten offen und ehrlich reagieren.

Wissen schafft Sicherheit und Vertrauen

Aufklärung dient nicht nur dazu, Kindern wichtige Eckdaten zum Thema Fortpflanzung zu vermitteln. Es geht viel mehr um einen selbstverständlichen Umgang mit Liebe und Sexualität und ein positives Körpergefühl. Es ist wichtig, dass Kinder frühzeitig einen selbstbewussten Umgang mit ihren Gefühlen und ihrem Körper lernen. Dieses Erfahren von dem was einem gefällt und was nicht, ist besonders relevant, um auch klare Grenzen festlegen zu können. Gerade bei Kleinkindern ist dies der perfekte Zeitpunkt um wichtige Werte zu vermitteln und auch Gefühls- und Liebesaspekte mit einzubringen.

Weise fordert Eltern auf, sich ausführlich mit der Thematik Selbstbestimmung zu beschäftigen: „Das Thema Grenzen ist oft schwer zu vermitteln. Es ist gut, Kinder auch im Alltag immer wieder zu bestärken ihre eigenen Grenzen zu wahren und nein sagen zu dürfen (dies gilt z.B. auch für das „Küsschen für die Oma“). Auch Kinder immer wieder aktiv zu ermutigen ihre Gefühle und Empfindungen zu benennen, trainiert sie in ihrer Wahrnehmung von Situationen. Wichtigster Aspekt in der Prävention ist es also ihre Kinder selbstbewusst, stark und mündig zu erziehen. „

Spielerisches Entdecken mit gleichaltrigen gehört dazu

Das Vorschulalter ist auch das Alter der „Doktorspiele“. Diese gehören zur natürlichen Entdeckung des Körpers – auch den von anderen – dazu und können gelassen hingenommen werden. Ist einmal alles erkundet, sind diese meist auch wieder uninteressant. Dieses Erforschen ist Zeichen einer gesunden psychosexuellen Entwicklung. Zusätzlich lernen Kinder dabei ihre eigenen Grenzen kennen und die der anderen zu respektieren, da sich im Alter zwischen drei und sechs Jahren auch das Schamgefühl beginnt zu entwickeln.

Kinder haben von Natur aus ein entspanntes Verhältnis zu dem Thema | Foto: Getty Images

„Kinder merken in ihrer Entwicklung, dass es erstmal zwei Geschlechter gibt und das macht sie neugierig. Manche Kinder befriedigen ihre Neugier durch Bilderbücher, andere finden Körpererkundungsspiele interessanter. Dieses Untersuchen unter gleichaltrigen Kindern ist Teil einer normalen Entwicklung. Wie immer gilt, wenn ich mir als Eltern Sorgen mache, kann ich wie bei jedem anderen Spiel auch, mit Kindern Regeln vereinbaren“, empfiehlt Ritter.

Was ist, wenn man vom Kind in flagranti erwischt wird?

Auch auf diese Frage wissen die Experten eine Antwort: „Beim Sex erwischt zu werden kann ganz schön peinlich sein. Kinder verstehen aber meist nicht was da überhaupt passiert und können die Situation nicht einordnen. Gut ist es mit Kindern danach das Gespräch zu suchen und ihnen zu vermitteln das alles in Ordnung ist und es eine schöne Situation für die Eltern war (je nach Alter z.B., dass sich die Eltern lieb gehabt haben).“

Aufklärungsbücher für Kleinkinder sinnvoll

Aufklärungsbücher sind sehr gute Hilfsmittel um mit seinen Kindern das Thema zu besprechen. Diese ermöglichen dem Kind das Tempo vorzugeben und in direktem Dialog mit den Eltern alle aufkommenden Fragen zu besprechen. Wichtig ist ehrlich und richtig zu antworten und auch Unklarheiten dem Kind gegenüber zuzugeben. Schon 4-jährige dürfen wissen, dass der Penis in die Scheide der Frau gesteckt wird, damit ein Baby entstehen kann.

Anhand von Bilderbüchern lassen sich viele Fragen anschaulich beantworten | Foto: Getty Images

Almut Weise meint dazu: „Kinder brauchen kurze und kindgerechte Informationen. Zu viele Details sind für Kinder oft eine Überforderung. Überlegen sie was eine möglichst einfache Antwort ist. Auf die Frage wie ein Kind in den Bauch kommt kann man z.B. einfach antworten, dass dies passiert wenn sich ein Mann und eine Frau ganz lieb haben. Kinder mit mehr Interesse werden zu einem anderen Zeitpunkt oder direkt nachfragen. Falls man gerade keine gute Antwort parat hat, ist es auch in Ordnung zu sagen, dass man sich etwas überlegt und später eine Antwort nachliefert.“

Bei der Auswahl für das richtige Buch empfiehlt Ritter in einen Buchladen zu gehen und das Angebot zu sichten: „Das Buch muss zur jeweiligen Familie und deren Bedarf passen. Es gibt Bücher die sehr direkt sind, andere sind bildhafter und gerade bei Kleinkindern müssen sich ja auch die Eltern beim Vorlesen oder erklären der Bilder wohl fühlen.“

Aufklärung ist nicht nur Elternsache

Das Aufklärung etwas natürliches ist, zeigen eindrucksvoll auch unsere Nachbarn in Dänemark. Jedes Jahr findet dort eine ganze Woche der Sexualaufklärung statt, die als „Sex Woche“ für alle Altersgruppen bezeichnet wird. Eltern und Lehrer erhalten Informationen, die ihnen helfen, mit ihren Kindern zu kommunizieren und werden bei der Aufklärungsarbeit unterstützt.

Weise hält es für wichtig, dass Kinder verschiedene Anlaufstellen haben: „Aufklärung findet nie in einem Aufklärungsgespräch statt, sondern ist ein Mosaik aus ganz verschiedenen Informationen. Kinder lernen viel durch Beobachtung von Männern und Frauen im Alltag. Gut ist es wenn Kinder verschiedene Ansprechpartner*innen haben und viele Kitas haben bereits ein Konzept zum Thema Sexualaufklärung. Auch in den Lehrplänen der Schulen findet sich dieses Thema wieder. Dies ermöglicht es den Kindern vielfältige Lebensmodelle kennen zu lernen und kann auch Eltern, denen das Sprechen über Sexualität schwer fällt entlasten.“

Was tun bei Befangenheit?

„Gehen Sie authentisch mit Ihrer Unsicherheit um. Kinder merken sofort, wenn etwas „seltsam“ ist. Kinder, die keine Antworten bekommen oder merken, dass die Stimmung schlecht wird, werden in Zukunft nicht mehr fragen. Bücher für die Kinder können eine Unterstützung sein oder auch ein Beratungsgespräch für die Eltern bei einer Fachstelle wie pro familia kann helfen Unsicherheiten abzubauen“, raten die Pädagogen.

Allgemein gilt: Wenn Eltern ihren Kindern vermitteln, dass ein offener Umgang mit der Thematik normal ist, werden diese auch später keine Hemmungen haben, mit ihren Fragen auf die Eltern zuzukommen. Gerade zu Beginn der Pubertät, wenn viele Fragen rund um Sexualität und Verhütung aufkommen, ist dann eine gute Basis vorhanden, um alle relevanten Themen miteinander besprechen zu können.

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